Einem Tag bevor sich ihre erste Begegnung zum achten Mal jähren würde, klingelte es an Victors Tür. Ein etwas gestresst wirkender Fahrradkurier stand vor seiner Wohnung und wühlte ihm Rucksack herum. Er wusste das er etwas für Victor hatte, aber er fand es gerade nicht.

Victor war verwuschelt und noch halb verschlafen, als es klingelte. Etwas genervt öffnete er die Tür und sah sich dem Fahrradkurier gegenüber, der hektisch etwas in seiner Tasche suchte. „Was ist denn?“ fragte er und gähnte laut. Er hatte bis drei gearbeitet und heute zum Glück einen freien Tag.

„Morgen, Herr Severin...ich habe eine Nachricht für sie...“ murmelte der junge Kurier und sah schließlich auf, zog einen Briefumschlag hervor. „Da ist er.“ Er grinste und reichte Victor das Klemmbrett wo er gegenzeichnen musste, um ihm schließlich den Brief auch auszuhändigen.

„Eine Nachricht.“ Wiederholte Victor etwas irritiert und unterzeichnete den Erhalt. Wer sollte ihm eine Nachricht schicken? Er bedankte sich bei dem Kurier mit einem Lächeln und schloss die Tür. Er drehte den Umschlag in den Händen und riss ihn dann neugierig auf.

Er fand darin nur eine Karte. Es standen nur ein paar Daten darauf, Datum sowie Uhrzeit; auf der Rückseite der Karte war das Emblem eines gehobenen Restaurants.
Sollte also Victor interessiert sein, dort zu erscheinen ohne zu wissen was ihn erwartete, war wohl ein Smoking oder zumindest ein Anzug von Nöten.

Victor runzelte die Stirn und überlegte. Es fiel ihm niemand ein und auf das naheliegenste kam er nicht. Aber er war neugierig, verdammt neugierig. Also würde er sich in seinen Anzug schmeißen und den genannten Termin wahrnehmen. 19.00 Uhr , da hatte er ja noch ein wenig Zeit. Victor entschied sich, zu frühstücken, telefonierte dann mit seiner Freundin und machte sich fertig.
Pünktlich um sieben stand er vor dem Restaurant und besah sich in der Scheibe, richtete seine Krawatte und betrat das Lokal.

Ein Kellner nahm ihn in Empfang und fragte ihn nach seinem Anliegen. Er besah sich seine Liste.
„Bitte folgen sie mir, Herr Severin.“ Bat er Victor und führte ihn durch das Restaurant, auf eine kleine Empore. Fünf Tische standen dort, alle gut besetzt. Doch ein einzelner, am Geländer stehender Tisch, war nur mit einer Person besetzt, die mit dem Rücken zu ihm saß.
Das schwache Licht sowie das der Kerzen ließ das weißblonde Haar förmlich leuchten.
„Bitte.“ meinte der Kellner und deutete auf den freien Platz.
Alain wandte den Kopf und sah auf. Er erhob sich, lächelte leicht und meinte mit seinem unüberhörbarem französischem Akzent: „Hallo Victor.“
Er trug ebenfalls einen Anzug, war ganz in schwarz gekleidet, das seine porzellanfarbene Haut noch mehr Ausdruck verlieh und seine azurblauen Augen wie Saphire strahlen ließ. Die weiße Krawatte gab dem Anzug etwas klassisches und etwas, was Alain noch nie in Anwesenheit von Victor getragen hatte.
Der Kellner verabschiedete sich mit einem etwas irritiertem Blick und Lächeln, als er Victors Gesicht sah.

Victor folgte dem Kellner und sah sich dabei immer wieder neugierig um. Er war noch nie hier gewesen. Als der Kellner stehen geblieben war, durchfuhr es Victor heiß und kalt. Er traute seine Augen kaum, hatte sich aber nach einem Moment wieder in der Gewalt.
„Alain....“ sagte er nach einem Moment etwas steif und reichte ihm die Hand. Der Weißblonde sah gut aus, wie immer, die sieben Jahre waren spurlos an ihm vorbeigegangen, was kein Wunder war. Immerhin war er ja auch ein Vampir. Seine Augen blitzten, im Moment wusste er nicht, sollte er wütend sein oder eher gleichgültig.

Alain gab ihm die Hand. Seine eigene fühlte sich kalt an. Er deutete auf den gegenüberliegenden freien Stuhl.
„Ich dachte du würdest die Einladung ausschlagen. Bitte setz dich.“ Bat er ihn und nahm selbst Platz. Beiden war bereits ein Rotwein eingeschenkt worden, mit dem Alain sich immer nur die Lippen benetzte. Nicht nur um den Eindruck zu vermitteln, das er trank sondern auch um wenigstens von dem Aroma etwas mitzubekommen.

Victor setzte sich und hob eine Augebraue. „Wenn ich gewusst hätte, das die Einladung von dir stammt, hätte ich sie auch ausgeschlagen.“ Meinte er trocken und griff nach dem Glas, prostete Alain zu und nahm einen kleinen Schluck. „Du hast es nur meiner Neugierde zu verdanken, das ich hier sitze. Nach sieben Jahren tauchst du hier auf.“ Victor schüttelte den Kopf. „Nachdem dir scheißegal war, das ich nicht in Schottland geblieben bin und was in der Zwischenzeit mit mir passiert.“

Alain nickte leicht. Er musterte Victor einige Zeit. „Du siehst gut aus.“ meinte er, fast um irgendetwas zu sagen. „Wie geht es deiner Freundin?“ fragte er nach, senkte den Blick um in seiner Brusttasche das Zigarettenetui herauszuziehen und sich eine der Glimmstängel zu entnehmen, fragend hielt er es Victor entgegen.

Victor öffnete den Mund, wollte fragen, woher Alain das wusste, aber das war ja hinfällig, Alain wusste immer alles. „Ich denke, es geht ihr gut. Als ich vorhin mit ihr telefoniert habe, ging es ihr gut.“ Er sah dem Weißblonden in die Augen und lächelte schmal. „Danke für das Kompliment und die Nachfrage.“ Er fuhr sich durch die Haare und wusste eine Moment nicht mehr recht, was und wie er reagieren sollte. Seine Gefühle waren zwiespältig und die Nähe des Vampirs ließ ihn wirklich nicht kalt, aber das würde er sich nie anmerken lassen.

Alain klappte das Etui wieder zu, legte es beiseite und zündete sich die Zigarette an.
„Rabea lässt dich grüßen. Sie wäre gern mitgekommen, aber sie hasst Flugzeuge.“
Er schob Victor die Speisekarte zu und fixierte die Kerzenflamme. Für einen Moment verfiel er in dumpfes Schweigen. Das erste Mal seit lager Zeit, wusste er nicht Recht was er sagen sollte. Er hatte immer gezweifelt, ob es richtig war, Victor wiederzusehen, aber er war am Ende nicht dagegen angekommen.
In den sieben Jahren waren seine Gesichstzüge noch markanter und männlicher geworden. Der Vampir wirkte neben ihm eigentlich wie der jüngere Bruder.
Und Victor war Alains Erschaffer noch ähnlicher geworden; aber das war nicht einmal das was Alain am meisten beschäftigte. Eher verwirrte es ihn, das Victor so ruhig war. Er hatte eher damit gerechnet, das er den Rotwein ins Gesicht bekam. Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen.

Victor war mit den Jahre etwas ruhiger geworden, aber sein Jähzorn schlummerte noch in ihm, er konnte ihn nur besser unter Kontrolle halten. Mit einem knappen Nicken nahm er die Karte entgegen. “Magst du nichts essen? Oder hast du dich schon vorher sattgetrunken?“ fragte er dann mit einem leichten Sarkasmus in der Stimme. „Rabea...“ sagte er dann leise. „Sie hat sich wirklich rührend um mich gekümmert damals.“ Victor seufzte und sah Alain dann wieder an. „Warum bist du gekommen? Damals hat es dich nicht interessiert, es hat dich die verdammten sieben Jahre lang nicht interessiert.“ Nun blitzte etwas von dem Zorn und vor allem, von der Enttäuschung die Victor fühlte, auf. Verdammt, dieser impertinente Vampir! Tauchte auf und tat so, als hätten sie sich nur ein paar Tage lang nicht gesehen. Und das allerschlimmste war, das er sich auch noch tief im Innersten freute. Immerhin hatte er diesen Blödmann mal geliebt.

Alain nahm den Seitenhieb mit gewohnter Ignoranz hin und betrachtete Victor nur. Er schwieg einen Moment, aschte erst mal ab und nach einem weiteren Zug beantwortete er ihm seine Frage.
„Weil ich wiedersehen wollte.“
Das Schmunzeln gelangte zurück auf seine Lippen, als er das alte Feuer bemerkte, das in Victor schlummerte und wieder entfachte.

„Und das fällt dir nach sieben Jahren ein?“ Victor kämpfte mit sich, am liebsten hätte er Alain was an den Kopf geschmissen. „Ich habe eigentlich erwartet, dich nie wieder zu sehen. Sehr viel Wert hast du ja die vergangenen Jahre auch nicht auf mich gelegt.“ Ihm lag noch viel mehr auf der Zunge, aber er schluckte es herunter. Zu was denn...er war doch über Alain hinweg, so redete er sich das wenigstens ein.

„Das was damals in Schottland passiert ist, war so nicht geplant.“ Alain lehnte sich zurück, als der Kellner kam und Victor nach seiner Bestellung fragte. Alain hatte bereits gewählt, auch wenn er nichts essen würde.
Der junge Kellner notierte sich die Bestellung von beiden und zog sich wieder zurück.
„Ich hätte dir deinen Wunsch gern erfüllt und gewollt das dir Schottland in besserer Erinnerung bleibt.“

„Oh dessen bin ich sicher.“ Victor gab dem Kellner seine Bestellung, er hatte sich für Schweinemedaillons entschieden und sah Alain wieder an. „Zumindest habe ich in Schottland einiges in Erfahrung gebracht, das ich vorher noch nicht gewusst hatte.“ Sprach er dann weiter, als der Kellner gegangen war. In ihm brodelte es und das konnte Alain wahrscheinlich auch spüren. „Das war auch ganz lehrreich, es hat mir einiges klargemacht.“

„Hat es das?“
Alain drückte die Zigarette aus und lehnte sich zurück. Er beobachtete Victor, schien förmlich darauf zu warten, das der andere explodierte. Er hatte das Restaurant gewählt, da es ein neutraler Ort für beide war, weniger um eine peinliche Szene zu vermeiden.
Er hatte nicht vor seiner Tür auftauchen wollen, einerseits weil er nicht aussehen wollte, als würde er zurückgekrochen gekommen, andererseits fand er es auch unpassend. Jetzt wo Victor wusste, das er zurück war, würde er vielleicht eher einmal wieder unangemeldet auftauchen, egal wie dieser jetzt reagierte oder nicht reagierte.

„Allerdings. Ich wusste schon vorher, das du ein eiskaltes Arschloch sein kannst, aber das hat es mir noch mal bestätigt.“ Victor wurde lauter und beherrschte sich wirklich nur noch sehr mühsam. In diesem Lokal eine richtige Szene zu machen, erschien ihm dann doch nicht passend. „Ich hab begreifen müssen, das du in mir nie mehr als einen Ersatz gesehen hast.“

Alain lächelte ihn selbstgefällig an. „Danke für das Kompliment.“
Er strich sich mit dem Zeigefinger am Hals entlang, neigte den Kopf ein wenig zur Seite und seine eisblauen Augen blitzten auf. „Aber in deinem Bett hast du mir ganz andere Dinge gesagt.“

Victor war einen Moment lang sprachlos, dann fuhr er auf. „Zum Glück sprichst du in der Vergangenheit, denn das wird nicht mehr passieren.“ Das war nun laut und deutlich für jeden Gast im Lokal und noch drei Häuser weiter zu hören. „Was bildest du dir ein? Du nimmst mich als Ersatz, lässt mich ohne ein Wort ziehen, meldest dich sieben Jahre nicht und dann tauchst du auf, grinst mich an und erzählst mir, was ich dir im Bett erzählt habe. Schreib es meiner jugendlichen Dummheit zu.“

Alain lachte leise. Es tat seiner wunden Seele einfach nur gut, das Victor so geblieben war, wie er ihn kennen und lieben gelernt hatte. Auch wenn seine Worte eigentlich verletzend wirken sollten, so bewirkten sie doch paradoxer Weise das Gegenteil.
Sieben Jahre waren für eine Vampir nicht einmal erwähnenswert, doch für einen liebenden Vampir ebenso eine Qual wie für einen Menschen.
„Hat der Bordeaux dir zugesagt?“ fragte er aus dem Zusammenhag heraus.

Dieser...dieser Vampir... lachte. Victor knirschte mit den Zähnen und seine Hand umkrampfte das Weinglas. Einen Moment war er versucht, Alain den Wein über den Kopf zu leeren, aber alle Leute sahen eh schon her und noch mehr blamieren musste er sich ja nicht. „Der Bordeaux, der liegt unberührt in meinem Keller. Du warst also der edle Spender.“ Stellte er dann fest. „Eigentlich wäre es mir lieber gewesen, du hättest dich mal gemeldet. Aber nach dem dritten Jahr war es mir dann egal.“

„Der Wein ist so alt wie ich. Er ist einiges wert.“
Alain betonte den kommerziellen Wert weniger, weil er eben als edle Spende gesehen werden sollte, sondern eher als Investition.
Er hatte geahnt das Victor ihm mit Ablehnung begegnen würde, vielleicht sogar mit Hass. Aber jetzt wusste er es genau und keine Erklärung würde Victor den Schmerz und die Schmach nehmen, deshalb würde er ihm auch keine geben.
Er hatte ihn noch einmal wiedersehen wollen, und das hatte er getan. Victor hatte sein Leben weitergeführt, hatte einen neuen Partner und einen Job, er hatte eine Zukunft vor sich...ohne ihn, und das war vielleicht auch ganz gut so.
Auf ihm lag der Fluch der Unsterblichkeit, den es war keine Gabe, es war ein Fluch. Victor war sieben Jahre gealtert, während er selbst seit Jahrhunderten das Aussehen eines 21-jährigen jungen Mannes hatte. Er war vielleicht mit ewiger Jugend und Schönheit gesegnet, aber das hatte ihm bereits als Lebender keine Punkte gebracht und jetzt, als Wiedergänger, war er gestraft zu sehen, wie das was er liebte, alterte und irgendwann starb. Ein Menschenleben war nichts gegen das eines Vampirs, wahrscheinlich war diese Erkenntnis es gewesen, die Alain damals veranlasst hatte, ihm diesen Verdammnis aufzuerlegen um selbst erlöst zu werden.
Insgeheim hasste er Alain dafür. Er hatte ihm keine Wahl gelassen, er hatte es ihm aufgezwungen um ihn schließlich allein zu lassen. Das war nicht fair, aber was war schon fair!?

„Nun, dann ist wenigstens für meine Zukunft gesorgt.“ Sagte Victor bitter und faltete die Hände auf dem Tisch. „Meinen Traum von Schottland hast du gründlich versaut, du hast mich ausgenutzt und ich dämliches Arschloch hab dich geliebt. Es ist eine Ironie, das in sieben Jahren nicht ein Tag vergangen ist, in dem ich nicht an dich gedacht habe.“ Er wurde wieder leiser, es erfasste ihn eine Resignation, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. „Hast du mir nicht mal gesagt, ich sei dein Eigentum? War wohl auch ein Irrtum.“

Alain zögerte eine Moment, doch dann legte er eine Hand auf die von Victor, übte sanften Druck auf sie aus.
„Vielleicht weil es mir nicht anders ging.“
Er betrachtete ihn für einen Moment und fragte schließlich:
„Warum glaubst du, bin ich hier?“

Victor betrachtete Alains Hand, die auf seiner lag, dann sah er auf und direkt in die eisblauen Augen. „Ich weiß es nicht, Alain...Francois. Ich habe keine Ahnung, außer das ich sieben Jahre allein war. Und ich weiß nicht, wie es dir dabei ging. Mir ging es beschissen, bis ich aufgehört habe zu hoffen, das du auftauchst. Du hast mir selbst gesagt, wie sehr du Alain immer noch liebst und ich...du hast immer nur ihn in mir gesehen. Oder stimmt das vielleicht nicht?“

Alain kroch ein Schauer das Rückgrat hinunter. Es war lange her das ihn jemand so genannt hatte.
Er beugte sich etwas vor, der Druck seiner Hand wurde stärker, doch er zog sich schließlich ohne eine Antwort wieder zurück.
Er hatte so lange Gefühle, Emotionen und Gedanken für sich behalten, das es ihm schwer fiel, sie auszudrücken oder gar auszusprechen.
Langsam zog er seine Hand zurück.
„Es tut mir leid, Victor.“
Er war erstaunt über sich selbst, wie einfach es ihm über die Lippen kam. Vor allem sprach er, bevor er darüber nachdachte was er sagte.
Auf einmal wünschte er sich Victor würde einfach gehen und er verfluchte sich dafür, das er ihn überhaupt eingeladen hatte.

„Es tut dir leid.“ Victor kam sich vor wie ein Papagei und betrachtete seine Hand, auf der er noch Alains kalte spüren konnte. „Meinst du nicht, das ich ein wenig mehr verdient habe als das?“ Er nahm seine Hand vom Tisch und lehnte sich zurück. „Vergiss es, Francois, vergiss, was ich gesagt habe. Ich hab ja gewusst, das ich nichts erwarten kann. Aber ich rechne dir hoch an, das du dich entschuldigt hast.“ Victor lächelte das erste Mal an diesem Abend ohne Bitterkeit oder Sarkasmus. Das schlimmste an der Sache war ja, das er immer noch Gefühle für den Vampir hatte, das war ihm klar geworden. Und er konnte es nicht ändern oder abstellen.
„Vielleicht hättest du mich damals in meinem Bett doch töten sollen.“ Sagte er dann in Gedanken.

Jetzt war es an Alain für einen Moment sprachlos zu sein. Er starrte Victor nur an, bis er schließlich reflexartig versuchte tief einzuatmen.
„Du solltest so etwas nicht sagen.“ Brachte er schließlich nur über die Lippen.

„Warum nicht?“ Victor sah Alain provozierend an. „Du hattest es in der Hand. Und du wusstest genau, das ich dich liebe, auch wenn ich es dir nie direkt gesagt habe. Es hätte mir einiges an Enttäuschung erspart.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und schlug ein Bein übereinander.

„Vielleicht habe ich es gerade deswegen nicht getan.“
Alain gab den Ball gern wieder zurück. Er verstand Victor, nur zu gut, aber er hatte auch seine Gründe gehabt zu handeln wie er es getan hatte. Ob er sie Victor mitteilte war etwas ganz anderes, aber er selbst kannte sie und das gab ihm jedes Recht, Vorwürfe abzuschmettern.

„Ach.“ Victor entknotete sich wieder und beugte sich vor. „Du bist also der Meinung, das ich enttäuscht werden musste, damit ich an dieser Erfahrung wachsen und mich weiter entwickeln kann, oder wie sehe ich das? Wenn du das bezweckt hast, dann muss ich dir leider sagen, das es ein Schuss in den Ofen war. Ich bin verletzt.“ Er fuhr sich durch die Haare, was zeigte, wie aufgewühlt er war. „Und wenn du es nicht getan hast, weil ich dich liebe, dann verstehe ich es erst Recht nicht. Du hättest alles mit mir machen können, ich hätte dir alles gegeben.“

Der ankommende Kellner unterbrach die Unterhaltung und entband Alain von einer Antwort, zumindest konnte er länger darüber nachdenken.
Nachdem sie ihr Essen bekommen hatten, fanden Alains Augen wieder ihr Ziel in Victors Gesicht.
„Zumindest haben die sieben Jahre deine Zunge gelockert.“ Bemerkte er zynisch.

Victor bedankte sich bei dem Kellner und erwiderte Alains Blick ruhig. „Ich hatte ja auch sieben Jahre Zeit, über all das nachzudenken.“ Erwiderte er unbeeindruckt vom Zynismus des Vampirs. Das konnte er auch, wenn er musste. „Damals war es schwer für mich zuzugeben, das ich mich in einen Mann...na ja Mann zumindest in meiner Vorstellung, verliebt haben könnte. Und heute habe ich es akzeptiert, weil es der einzige war, bei dem mir das jemals passiert ist. Aber das beantwortet noch nicht meine Frage.“

„Die Antwort kennst du doch schon. Wie gesagt, du hattest sieben Jahre Zeit darüber nachzudenken. Weshalb sollte ich deine Illusionen zerstören, die du dir so schön zurechtgelegt hast.“
Alain zuckte die Schulter und betrachtete das Essen auf seinem Teller. Er rümpfte leicht die Nase. Er vermisste menschliche Nahrung. Er erinnerte sich kaum noch an den Geschmack von Wein, Bier oder auch nur eines Apfels, und gleichzeitig widerte ihn dieser Anblick an.

„Du hast recht. Sieben Jahre hab ich nachgedacht und jetzt habe ich keine Lust mehr dazu.“ Victor wandte sich seinem Essen zu und probierte den erste Bissen, großen Hunger hatte er eigentlich nicht. „Ich war jung und beeindruckbar, jetzt bin ich um einiges erwachsener. Dafür hast du gesorgt und dafür müsste ich dir wirklich dankbar sein.“ Er nahm einen erneute Bissen.
„Was hast du für Pläne? Bleibst du eine Weile und ziehst dann weiter?“ fragte er, um eine normale Konversation zustande zu bringen und zu versuchen, seine Gefühle, die aus Wut, Hass und Liebe bestanden und die wild durcheinander liefen, in geordnete Bahnen zu lenken.

„Ich werde wohl morgen nach Frankreich weiterreisen und dort bleiben. Es wird Zeit das ich nach so viele Jahren wieder an meinen Ursprung zurückkehre.“
Alain tippte, eigentlich gänzlich unschicklich, seinen Zeigefinger in seinen Wein, beobachtete nachdenklich den roten Tropfen der sich über seine weiße Haut schlängelte und fuhr sich mit der Fingerkuppe über die Lippen. Seine Zungenspitze fuhr kurz darauf ebenfalls darüber.
Dort wo alles begonnen hatte, endete es meistens genauso. Alain hatte viel zu lang ein Nomadenleben geführt, es wurde Zeit das er einen Platz fand, an dem er bleiben konnte oder sollte. So oder so, seine Zeit des Suchens, nach Menschen und Antworten, war vorüber.

„Frankreich.“ Victor versuchte, seine Enttäuschung darüber zu verbergen, das Alain so unbeeindruckt war und nicht mal versuchte, ihn zu fragen, mitzukommen. Der Vampir musste doch spüren, das er noch einiges an Gefühl für ihn übrig hatte. Er legte sein Besteck zur Seite, er hatte keinen Hunger mehr. „Dann wünsche ich dir alles Gute und ich hoffe, das du dort findest, was du suchst.“ Victor nahm sein Glas und trank seinen Wein. „Ich glaube, ich sollte gehen.“ meinte er dann, konnte sich aber nicht aufraffen, das wirklich zu tun.

Das hatte er schon längst gefunden.
Alain nickte langsam. Er nahm Geld aus seinem Jackett und legte es, mit einem saftigem Trinkgeld, auf den Tisch.
Er erhob sich.
„Leb wohl Victor. Und ich hoffe, das du glücklich wirst.“
Damit schob er die Hände in die Taschen und ließ ihn sitzen.

Victor nickte nur und sah Alain nach. „Das werde ich wohl nie werden..“ meinte er leise und musste sehr an sich halten, das Weinglas nicht vom Tisch zu fetzen. Er erhob sich ebenfalls und machte sich auf den Weg nach Hause. Die Begegnung hatte Victor aufgewühlt, mehr als er selbst zugeben würde und so lief er noch eine Weile in der Gegend herum, bevor er in seiner Wohnung ankam. Es war immer noch dieselbe wie vor sieben Jahren.
Victor zog seinen Anzug aus, und setzte sich auf sein Sofa, starrte noch eine ganze Weile vor sich hin. Das war es wohl gewesen... entgültig und er wusste nicht, ob er lachen oder heulen sollte.