Alain tat es ihm gleich. Er lief ziellos durch die Straßen, nachdenklich und ein wenig enttäuscht. Worüber genau, konnte er nicht einmal sagen. Ob darüber was passiert war oder darüber, das er selbst zu feige war, das auszusprechen was er fühlte. Am Ende war es doch egal.
Eigentlich war er nicht einmal überrascht, als er sich vor dem Haus wiederfand, in dem Victor wohnte.
Er zögerte einen Moment, doch schließlich gab er seiner inneren Stimme nach. Die Rückseite des Hauses war nicht beleuchtet, sie lag in völliger Dunkelheit, da eine undurchdringliche Wolkendecke den Himmel und damit den Mond verdeckte. In diesem Schutz beobachtete Alain Victor vom Balkon aus, ihn durchs Fenster hindurch.

Victor merkte nichts davon. Er saß eine Weile herum, dann stand er auf und wanderte durch die Wohnung. Er war nicht müde und zudem auch viel zu aufgewühlt. Schließlich holte Victor sich etwas zu trinken, ein Glas Wodka und trank es auf einen Zug aus. Dann warf er das Glas gegen die Wand und öffnete die Balkontür, trat hinaus. Draußen hatte der Barkeeper immer ein Päckchen Zigaretten liegen, für Notfälle. Und so ein Notfall war jetzt. „Du bist ein verdammter Idiot, Francois...“ sagte Victor, während er sich einen Glimmstängel anzündete und gierig daran zog. „So ein verdammter Idiot.“

„Ich weiß...“
bemerkte er leise aus der Dunkelheit heraus, blieb jedoch stehen wo er war. Nur sein Arm wurde plötzlich für Victor sichtbar, als er ihn ausstreckte und nach der Zigarette griff, sie zu sich in die Dunkelheit holte und das aufglimmen der Glut kurz sein Geicht erleuchtete.

Victor fuhr zusammen. „Verdammt, willst du mich mit einem Herzinfarkt umbringen?“ sagte er gepresst und nahm sich eine neue Zigarette. Er lehnte sich gegen die kühle Betonwand und zündete sie an, rauchte einen Moment schweigend. „Du kannst es noch...“ stellte er dann grinsend fest. „Manche Dinge verlernt man eben nicht, allerdings hatte ich mit dem Fenster gerechnet.“

„Du hast mir ja keine Chance gelassen.“
Erneut erhellte die Glut sein Gesicht, bevor die Zigarette einen Abgang über die Brüstung machte und in der Nacht verschwand.
„Ich möchte dir ein Angebot unterbreiten.“
Alain betrat die Wohnung durch die Balkontür und setzte sich in den Sessel, wartend.

„Keine Chance? Du hättest mich auch fragen können, ob ich dich auf eine Tasse Kaffee mit nach Hause nehme.“ Victor drückte seine Zigarette aus, schnippte den Stummel über die Brüstung und folgte Alain ins Wohnzimmer. Er ließ sich aufs Sofa dem Franzosen gegenüber fallen und sah ihn an.
„Ein Angebot?“ fragte er dann ruhig nach. „Dann lass mal hören, mon ange noir.“ Ganz automatisch und ohne es zu bemerken, hatte er den alten Kosenamen wieder aufgegriffen.

Alain schwieg einen Moment, das Victor ihn nochmals so nannte, hatte er nicht gedacht.
„Wie ich bereits erwähnte werde ich morgen nach Frankreich weiterreisen. Ich besitze dort ein Chateau in der Normandie. Ich möchte das du in einem Monat nachkommst, dort werde ich dir das Chateau überschreiben mit allen Ländereien die dazu gehören. Der Notar hat die Papiere bereits beglaubigt.“

Victor saß da, hörte sich das alles ruhig an und erhob sich ohne ein Wort. Er ging in die Küche, holte sich ein Bier und ließ sich wieder auf das Sofa fallen. „Und warum? Was bezweckst du damit? Willst du dein schlechtes Gewissen beruhigen, weil du mich einfach so hast ziehen lassen?“
Der Barkeeper war immer noch ruhig, obwohl in seinem Innern bereits wieder sein Jähzorn kochte.
„Francois, ich soll also nachkommen, du überschreibst mir das Chateau und was dann? Du ziehst weiter und ich fliege zurück nach Frankfurt? Und du denkst, du kommst mir so einfach davon?“ Victor lachte leise auf und schüttelte den Kopf. „Nein...ganz sicher nicht.“

Alain folgte Victor mit dem Blick, erneut schwieg er einen Moment, dann schloss er kurz die Augen.
„Sollte es soeben den Eindruck gemacht haben, das du das Chateau für nichts bekommen sollst, muß ich dich enttäuschen. Wie bei jedem Handel bedarf es einer Gegenleistung.“
Er betrachtete Victor erneut einen Moment.
„Mein Vorschlag ist folgender: Du kannst das Chateau bekommen, und im Gegenzug werde ich dich irgendwann um einen Gefallen bitten. Es ist ein einfacher Handel, du hast die Wahl. Das Chateau stellt im Umkreis der gesamten Normandie den besten Cidre her, sprich du kannst Unternehmer werden. Es liegt in deiner Hand.“

„Nun kommen wir der Sache schon näher, mon ange.“ Victor nahm einen Schluck von seinem Bier und sah Alain in die Augen. „Ich und Unternehmer. Aber gut. Und an was für einen Gefallen hattest du da gedacht? Ich meine, ich will schon wissen, auf was ich mich da im einzelnen einlasse. Ich habe mich schon mal auf jemanden eingelassen und was daraus entstanden ist, weißt du wohl am besten.“

Alain schüttelte den Kopf.
„Es ist nur ein Geschäft. Steig darauf ein oder lass es!“ Er erhob sich und legte Victor einen Zettel, mit der genauen Adresse des Hauses, sowie ein Flugticket auf den Couchtisch.
„Überleg es dir, das ist alles was ich dir dazu sagen kann.“
Alain verließ Victors Wohnung diesmal durch die Tür, rollte vor dem Haus das Genick und blickte zum Himmel. Er bekam Hunger...der sollte gestillt werden.

Victor sah Alain nach und kaum war dieser draußen, fing er an zu toben. Warum, wusste er selber nicht. Vielleicht, weil er sich mehr versprochen hatte von der Begegnung mit Alain, vielleicht, weil er immer noch der gleiche Idiot war wie vor sieben Jahren, der rettungslos in diesen impertinenten Vampir verliebt war. Scheiße...und er hatte gedacht, er hatte es überwunden. Victor kam wieder zur Ruhe und sah sich in seiner Wohnung um, die ein wenig unordentlicher aussah als noch vor ein paar Minuten.
Er sollte es lassen, er sollte Alain aus seinem Gedächtnis streichen, mit Elisabeth eine Familie gründen und nichts weiter. Und trotzdem wusste er jetzt schon genau, das er das nicht fertig bringen würde. Verdammt... er war so ein richtiges Weichei und hatte trotz seines Alters nichts dazugelernt.

Mit großen Augen bewunderte Lis’ den gutaussehenden Mann der an ihr vorbeiging. Er kam aus dem Haus in dem Victor lebte und sie kam nicht umhin ihm nachzusehen.
Er war außergewöhnlich, allein die Haare machten ihn zu etwas besonderen. Sie holte den Schlüssel heraus und öffnete die Eingangstür, bevor sie jedoch Victors Wohnung betrat, zog sie ihre Stiefel aus und klingelte. Als eine Art Vorwarnung, dann öffnete sie die Wohnungstür.
„Victor!? Ich bins.“

Victor wandte den Kopf, als es klingelte und seufzte leise. Elisabeth hatte ihm im Moment eigentlich grade noch gefehlt. Er war gerade dabei, das gröbste Chaos in seinem Wohnzimmer zu beseitige. „Ich bin hier, Lis...“ sagte er, sie konnte ja nichts dafür, das er schlechte Laune hatte. Immerhin benahm sich Victor ihr gegenüber immer korrekt, von seinem Jähzorn hatte Lis nicht einmal die Spur einer Ahnung.

Elisabeth betrachtete stirnrunzelnd das Chaos. Sie kam langsam näher und gab ihm einen Kuss auf die Schläfe. „Hi...“ murmelte sie.
„Ist was passiert?“ fragte sie, bemerkte seine angespannte Stimmung und setzte sich auf die Couch, begann sich einen Fuß zu massieren, beobachtete ihn aber.

„Nichts von Bedeutung.“ Victor setzte sich wieder, warf Lis einen kurzen Blick zu und nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier. „Ich hatte nur Besuch von jemandem, den ich lange nicht mehr gesehen habe.“ Er sah sie erneut an. „Warum bist du denn hier? Du wolltest doch heute zu Hause bleiben.“

„Der Typ mit den hellen Haaren?“ fragte sie nach und zog die Brauen zusammen.
„Ich habe dir doch gesagt, das ich noch vorbeikomme, wenn ich vor neun Feierabend mache.“ Sie schob leicht schmollend die Unterlippe nach vorn.
„Auf jeden Fall scheint es nicht so nichtig zu sein, wie du mir weiß machen willst. Du bist doch vollkommen durch den Wind.“

„Ah ja...stimmt. Das hatte ich verdr...vergessen.“ Victor korrigierte sich, eigentlich hatte er keine Lust auf Elisabeth, aber das war nicht fair. „Du hast ihn gesehen? Er ist ein alter Freund von mir, mehr nicht. Alain Dûmont. » Auf den Wind ging Victor nicht näher ein.

„Ein Franzose...du hast nie von ihm erzählt.“
Elisabeth betrachtete ihn eingehend. „Wenn du nicht willst, das ich bleibe, dann sag es. Ich habe keine Lust nur geduldet zu werden.“

„Ich hab ihn auch sieben Jahre lang nicht gesehen und eigentlich hatte ich gedacht, ihn auch nie wieder zu sehen.“ sagte Victor etwas gereizt. „Nicht jedes Detail meiner Vergangenheit ist erwähnenswert. Und wenn ich ehrlich bin, wäre ich wirklich lieber allein, ohne dir nahe treten zu wollen. Ich bin heute kein guter Unterhalter.“

Elisabeth erhob sich schweigend, nahm ihre Jacke wieder auf.
„Dann entschuldige die Störung.“ Meinte sie bissig, warf ihm den Schlüsselbund vor die Füße und zwang sich im Hausflur in ihre Stiefel.
Sie schimpfte dabei leise vor sich hin.

Victor verdrehte die Augen. Eigentlich sollte er ihr ja nun nachgehen, aber irgendwie konnte er sich nicht dazu aufraffen. Kurz bevor sie fertig war, erhob sich Victor und trat in den Flur. „Es tut mir leid. Ich hatte nicht den besten Tag und muss über einiges nachdenken. Es liegt nicht an dir, aber ich werde grade mit Dingen konfrontiert, die ich lieber vergessen hätte. Aber ich muss allein damit fertig werden.“ Er stand hinter ihr und strich ihr sanft über die Schulter. Dabei ertappte er sich, das er lieber jemand anderen gestreichelt hätte und das versetzte ihn nicht gerade in Hochstimmung.

„Müssen tust du gar nichts, außer sterben.“ Bemerkte Elisabeth trocken, und wandte sich zu ihm um.
„Ich weiß nicht ob du es selber schon bemerkt hast, aber du sperrst mich aus deinem Leben aus, du lässt mich nicht wirklich an dich heran. Du willst immer alles allein machen, erzählst mir nie was, gerade so als...“ Sie brach ab und seufzte, zuckte dann die Schultern.
„Machs gut. Melde dich einfach, wenn du dich besser fühlst.“
...oder überhaupt noch willst, dachte sie sich, besser als es auszusprechen.
„Bye.“
Sie lief bis zur Kreuzung und rief sich dort ein Taxi.

Victor sah ihr nach, ging zurück ins Wohnzimmer und kickte den dort liegenden Schlüsselbund in der Gegend herum. Verdammter Francois, warum musste er wieder auftauchen und Gefühle in Victor frei graben, die er doch so schön versteckt hatte. Elisabeth war eine kluge Frau und sie hatte recht. Er ließ niemanden an sich heran, er verließ sich auf sich selber. Seit er aus Schottland zurückgekommen war, hielt er das so. Victor konnte sich einfach nicht mehr so fallen lassen, auch etwas, was er Francois in die Schuhe schieben konnte.
Zumindest war der Barkeeper jetzt entschlossen, nach Frankreich zu fliegen. Man konnte das Ticket ja nicht einfach so verfallen lassen, es wäre schade um das Geld.

Alain wusste nicht ob Victor kommen würde, dennoch schickte er seinen Chauffeur mit dem Wagen zum Flughafen, zusammen mit einer Beschreibung von Victor. Der ältere Mann stand am Ausgang und wartete neben dem Wagen mit den getönten Scheiben auf seine Ankunft.
Die Sonne würde erst in ein paar Stunden untergehen und Alain befand sich noch in tiefem Schlaf. So gab er sich und vor allem Victor Zeit, sollte er überhaupt kommen, noch einmal zur Ruhe zu kommen und über das nachzudenken was kommen würde.

Victor hatte lange überlegt, ob er gehen und vor allem, ob er Elisabeth mit nehmen sollte. Schließlich hatte er sich dagegen entschieden. Er wollte ihr das nicht antun, ihn in Gesellschaft mit Alain zu beobachten. In dessen Nähe reagierte er so total anders, das es ihr wohl wie ein Schlag ins Gesicht vorgekommen wäre. Victor wollte es allein durchziehen, zumal er einen eigenen Plan verfolgte.
Der Barkeeper war am Pariser Flughafen pünktlich angekommen, was schon allein ein Wunder war und hatte sein Gepäck in Empfang genommen. Nun stand er am Ausgang und sah sich um, als er von einem älteren Herrn in Chauffeurslivree angesprochen wurde. /Nobel geht die Welt zugrunde/ dieser zugegeben etwas böse Gedanke schoß ihm durch den Kopf, bevor er lächelnd nickte und dem Mann zum Auto folgte. Es kam Victor zugute, das er doch recht annehmbar Französisch sprach, so das er sich verständigen konnte.

Es dauerte ein gutes Stück bis sie am Chateau angekommen waren. Der Abend kroch schon langsam aber stetig näher. Noch eine Stunden und die Sonne würde untergehen.
Das Chateau lag abseits, man musste mindestens zehn Kilometer fahren um zum nächsten Ort zu gelangen.
Der Chauffeur öffnete Victor die Autotür als sie hielten, nahm sein Gepäck aus dem Kofferraum und trug es die breite Steintreppe hinauf um ihm die Tür zu öffnen. Im Innern wirkte alles noch wie vor Hunderten vor Jahren. Kein elektrisches Licht, nur Kerzen erhellten sie Räume.

Victor sah sich die Landschaft an und ansonsten schwieg er. Als sie angekommen waren, bedankte er sich bei dem Chauffeur und betrat das Chateau, nur um gleich darauf überwältigt stehen zu bleiben. „Wow..“ entfuhr es ihm und er lächelte. Victor hatte sich sorgfältig angezogen, nicht übertrieben, aber zu ihm passend. Eine schwarze Jeanshose und ein graues Hemd, dazu das Rasierwasser das er früher schon benutzt hatte.
Unschlüssig blieb Victor stehen, wusste nicht so recht, wo er jetzt hin sollte.

„Bitte folgen sie mir, Monsieur.“
Bat der ältere Mann, der sich als Jacques vorgestellt hatte und führte Victor die gewundene Treppe nach oben, in den ersten Stock. Dort brachte er ihn in sein Zimmer. Es war groß, die Decke hatte sicher eine Entfernung von drei Metern. Ein Himmelbett mit schwarzem Ebenholz und dunkelroten Samtvorhängen sowie ein Kamin würden wohl Victor den Aufenthalt ein wenig angenehm machen.
„Das Essen wird in einer Stunde serviert werden, Monsieur. Der Salon befindet sich rechts neben der Eingangshalle. Haben sie noch einen Wunsch?“

„Nein vielen Dank, Jacques.“ Victor lächelte dem älteren Mann zu und sah diesem nach, als dieser den Raum verließ. Nun musste er sich erst einmal umziehen und die Pracht betrachten, die sich um ihn herum ausbreitete. Das Bett hatte es ihm besonders angetan und so setzte er sich auch erst einmal vorsichtig darauf. Nach einer Weile erhob sich Victor, um sich ein wenig frisch zu machen und ein anderes Hemd anzuziehen. Diesmal wählte er in weiser Voraussicht ein dunkelrotes Hemd, wusste er doch noch, das Alain diese Farbe gefiel. Pünktlich nach einer Stunde erschien Victor im Speisesaal.

Im großen Kamin an der rechten Seite des Salons flackerte das Feuer und verbreitete eine wohlige Wärme, es tauchte seine Umgebung in goldenes Licht, so dass nur wenige Kerzenleuchter von Nöten waren um ein ungehindertes Durchkommen zu gewährleisten, ohne sich irgendwo schmerzhaft zu stoßen. An der langen Tafel, an der mit Sicherheit weit über 20 Personen Platz hatten, war nur ein Gedeck aufgestellt wurden. Links neben der Stirnseite. Serviert wurde auf Silberplatten, gegessen von teuersten Porzellantellern und getrunken aus Kristallglas.
Jacques verneigte sich vor Victor, deutete auf den Platz und goß ihm einen Rotwein ein. Während ein jüngerer Mann ihm die Vorsuppe brachte.

Victor nahm Platz und bedankte sich leise bei Jacques, ein wenig war er enttäuscht, das er den Hausherrn noch nicht sah. Aber wer wusste schon, was Alain vorhatte. Das war ja schon früher so gewesen, Victor hatte nie gewusst, was der Vampir vor hatte, wann er auftauchte oder wie lange er bleiben würde. Er begann zu essen und seufzte zufrieden, es war wirklich sehr gut und der Barkeeper genoss es.

Es folgte ein Hauptgang, mit Wildbret und Kräuterbaguette, schließlich noch ein Dessert. Das einzige ‚zivilisierte’ in diesem Chateau waren Wasserleitungen sowie Strom für Telefon. Es gab weder Licht noch Fernseher. Der junge Mann räumte das Geschirr ab und Jacques bat Victor in einen weiteren Raum, ein Salon bot ihm abermals Wein an und entfernte sich, nachdem er nach Victors weiteren Wünschen gefragt hatte. Auch hier gab es einen Kamin.
Bis auf die wenigen Modernisierungen, wirkte das Chateau wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Mit Sicherheit war es noch immer so eingerichtet wie zu der Zeit als Alain noch ein Mensch gewesen war.

Victor aß langsam und mit Genuss, wie immer, wenn er nicht dafür bezahlen musste. Manche Dinge änderten sich nie, der Barkeeper war eben immer noch ein Geizhals und das, obwohl er keine schwäbischen Vorfahren hatte. Nach dem Essen bedankte er sich noch einmal, seine Eltern hatten bei seiner Erziehung nicht geschlampt.
Victor ließ sich in einem Sessel nieder, der direkt vor dem Kamin stand, das Glas Rotwein in der Hand. Rotwein hatte in der „Beziehung“ zwischen Alain und Victor immer schon eine tragende Rolle gespielt und der Barkeeper erinnerte sich gerade wieder daran, während er in die Flammen sah.

„Schön, das du gekommen bist.“
Alain stellte sich neben den Sessel in dem Victor saß und betrachtete ebenfalls die Flammen. Er trug wie immer schwarz und wandte schließlich seinen Kopf zu Victor, lächelte leicht.
„Du bist allein gekommen...“

„Francois...“ Victor sah den Vampir an und erwiderte das Lächeln. „Ja, ich bin allein gekommen, es war ja auch nur ein Ticket. Außerdem fand ich es nicht angebracht, Lis mehr als nötig über meine Vergangenheit aufzuklären.“ Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Du hast es wirklich schön hier..“ bemerkte Victor nach einem Moment des Überlegens. Er würde sich hüten zuzugeben, aus welchem Grund er Elisabeth nicht mitgebracht hatte.

„Gut das es dir gefällt.“ Alain nahm ihm gegenüber Platz. „Du bist hier, aber das bedeutet nicht, das du auch auf den Handel eingehen wirst oder irre ich mich da?“
Er lehnte sich zurück, stützte sein Kinn gegen seine Fingerspitzen und betrachtete Victor fragend.

„Ich wollte das Ticket nicht verfallen lassen, wäre ja schade um das Geld.“ Victor schwenkte den Wein in seinem Glas und betrachtete Alain versonnen. „Ich würde unter Umständen auf den Handel eingehen, wenn du mir sagst, was ich dir für einen Gefallen tun soll, wenn es dann an der Zeit ist.“
Der Barkeeper machte eine ausladende Handbewegung. „Es ist ein herrliches Haus, das so jemand wie ich nicht verdient. Zumal es bestimmt schon Ewigkeiten in deinem Besitz ist.“

„Wie kommst du darauf, das du es nicht verdienst?“
Alain sah ihn fragend an.
„Ich sagte dir bereits, das ich dich irgendwann um etwas bitten werde und es ist teil der Abmachung, das du darauf eingehst ohne zu wissen, was es ist. Wenn du es nicht tust...“ er zuckte die Schultern.
Das er ihm schließlich so oder so das Chateau hinterlassen würde, musste Victor ja nicht wissen. Außerdem wusste er, wie er reagieren würde, wenn er wissen würde, worum es sich handelt. So konnte er ihn fast zwingen, seiner Bitte nach zu kommen.
Wenn Victor das Geschäft ausschlug...dann musste Alain sich etwas anderes einfallen lassen.

Victor überlegte einen Moment und wandte den Blick dann wieder Alain zu. „Und wo willst du dann bleiben? Oder ist Teil deiner Bedingung, das du hier bleibst, so lange du magst? Das wäre ein Anreiz, darauf einzugehen, mon ange noir.“
Victor holte tief Luft und meinte dann etwas leiser. „Ich hab nicht sieben Jahre gewartet, dich zu treffen, um dich gleich darauf wieder aus den Augen zu verlieren.“

Alain lächelte leicht, schlug die Augen nieder und erhob sich wieder. Er nahm Victor das Glas aus der Hand und stellte es beiseite.
Mit der anderen Hand strich er Victor sanft über die Wange, das Kinn entlang.
„Du bist noch schöner geworden, in den vergangenen Jahren.“
Seine Augen bohrten sich regelrecht in die von Victor, als er sich zu ihm hinabbeugte um kurz vor seinen Lippen zu verharren.
„Darauf wird es aber hinauslaufen, Victor. Ich werde nicht ewig bei dir bleiben können...“

Victor beobachtete Alain ruhig, obwohl es in seinem Innern tobte und alles danach schrie, den Vampir zu sich heran zuziehen, zu küssen und ganz allmählich von allen seinen Klamotten zu befreien. Aber nein, so leicht würde er es sich und auch Alain nicht machen.
„Es tut mir leid, dir sagen zu müssen, das ich das nicht akzeptieren werde, Francois.“ Meinte er dann leise. „Ich allein werde entscheiden, wie lang ewig sein wird. Und wenn ich sage ewig, dann meine ich ewig. Ansonsten wirst du mich wohl töten müssen.“ Der Blick, den Victor dabei in Alains Augen senkte, war ebenso intensiv wie der seine.

Alain ließ von ihm ab und richtete sich wieder auf.
„Du ahnst gar nicht wie lang ‚ewig’ bedeuten kann.“ bemerkte er kalt.
Er fragte sich ob Victor ahnte, das er nach seinem Tod als Vampir wiederauferstehen würde.

„Verdammt, Francois, ich bin kein unwissender Idiot. Wenn ich ewig sage, meine ich ewig. Ich kann mir schlimmeres vorstellen, als noch Jahrhunderte in deiner Gesellschaft verbringen.“ Victor fuhr hoch, der Aufruhr in seinem Innern verschaffte sich Luft. Er begann, kleine Kreise zu drehen. „Du hast zu mir gesagt, das es in deiner Hand liegt, ob ich sterbe, ob ich als Mensch oder als Vampir weiterlebe...oder war das eine Lüge?“

Alain beobachtete Victor.
„Es war keine Lüge,...nicht in dem Sinne.“
Er sah ihm in die Augen. „Du hast mich mal gebeten, dich zu beißen und das habe ich getan. Du bist noch Mensch...“ er schwieg einen Moment und wandte ihm den Rücken zu, hielt seine Hände gegen die Flammen. „...doch wenn du stirbst, wirst du als Vampir wiedergeboren.“
Warum sollte er ihm die Wahrheit verheimlichen? Er hatte es ihm nicht gesagt, weil er nie gefragt hatte; bis jetzt.

„Na das ist doch mal eine klare Aussage.“ Victor ließ sich wieder in seinen Sessel fallen und nahm sein Glas zu sich, um einen Schluck zu nehmen. „und was bedeutet das konkret? Ich werde normal altern und dann irgendwann wieder auferstehen? Oder wie nun?“ Witzigerweise schockierte ihn das nicht einmal. Victor hatte gewusst, das nichts mehr so sein würde wie bisher, als er sich auf den Vampir eingelassen hatte.

Alain nickte.
„Du wirst als alter Mensch sterben, aber wenn du tot bist, wird der Vampir in dir erwachen. Du wirst das Alter annehmen, in dem ich dich gebissen habe. Du wirst als 25jähriger Vampir wiederauferstehen.“ Erklärte er ihm.

Victor betrachtete Alains Rücken und stellte sein Glas beiseite. „Und dann erklärst du mir, du kannst nicht ewig bei mir bleiben? Das ist doch Humbug, wenn du genau weißt, das ich wieder erwachen werde. Was ist der wahre Grund? Kannst du es nicht sehen, wie ich nach und nach meine Jugend und mein Aussehen verlieren werde?“ Der Barkeeper war irgendwie versucht, Alain etwas ins Kreuz zu schmeißen.