Alain wandte sich zu ihm um. „Das heißt, du willst bei mir bleiben? Das du mich noch immer liebst?“ fragte er gegen, ohne auf Victors Fragen einzugehen. Er schwankte in seinem Entschluss...
Victor sah sich mit der Stunde der Wahrheit konfrontiert und das war eigentlich nicht sein Plan gewesen. Aber Alain hatte ja schon immer meisterhaft verstanden, das aus ihm herauszukitzeln, was er eigentlich gar nicht sagen wollte. „Was ich will, ist doch unerheblich. Es kommt darauf an, was du willst.“ sagte Victor dann. „Du hast mal zu mir gesagt, das ich dir gehöre. Denkst du allen Ernstes, daran hat sich in sieben Jahren was geändert?“

„Ach plötzlich kommt es darauf an was ich will. Nun gut, dann sage ich dir was ich will: Ich will das du den Vertrag unterschreibst, das du das Chateau übernimmst und das du mir meine Bitte nicht abschlägst...“ Alain kam näher, nahm Victors Gesicht zwischen beide Hände und verstärkte dadurch seine letzten Worte „...denn, nur du kannst sie mir erfüllen.“

Victor seufzte leise, einmal eine klare Aussage wäre schön, aber er selber war ja nun auch nicht besser. „Eigentlich hatte ich damit ja gemeint, ob du auch willst das ich...aber gut. Ich soll das Chateau übernehmen und dir eine Bitte erfüllen. Ich bin einverstanden, aber ich sage dir eines...ich werde dich nicht umbringen oder sonst irgendwas tun, was dir schaden könnte.“

Alain sah ihn ausdruckslos an und ließ langsam seine Hände sinken, im gleichem Maßen wie seine Kräfte daraus verschwanden.
„Dann...kann ich das wohl nicht ändern.“ bemerkte er tonlos.

Victor ergriff Alains Hände, er konnte das so gar nicht fassen. „Sag mal, bist du komplett übergeschnappt? Das war also dein Plan? Das ich dich töten soll, wenn du das willst?“ Er schnappte nach Luft und sprang aus dem Sessel hoch, er musste etwas tun, sonst würde er explodieren.
„Wunderbar. Ich erwache als Vampir und du willst verschwinden. Verdammt noch mal Francois, ich liebe dich und du verlangst, das ich den Rest der Ewigkeit allein verbringe, hier in Frankreich auf deinem Chateau, wo mich alles an dich erinnert.“ Er ließ ihn los und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du...immer nur du. Seit ich dich kenne, machst du nur, was du willst ohne Rücksicht auf andere. Du lässt mich sieben Jahre allein und schickst mir nur jedes Jahr zum Jahrestag eine Flasche Bordeaux. Wunderbar. Ich werde mich vollaufen lassen, solange ich das noch kann.“

„Victor, du...verstehst das nicht...“ begann Alain, doch brach dann ab. Er sank resigniert in seinen Sessel und verbarg das Gesicht in seinen Händen.
„Lass mich allein...“ murmelte er gedämpft und verkrampfte seine Finger in seinem Haar.

„Na sicher, ich versteh das nicht, ich bin ja auch nur ein dummer Mensch.“ Victor sah Alain verletzt an und erhob sich. „Ist das einfachste, mich weg zu schicken anstatt dich mit mir auseinander zu setzen. Das hab ich doch schon mal mitgemacht.“
Er trat an Alains Sessel heran und beugte sich runter. „Aber diesmal lass ich mich nicht einfach so abservieren. Denk dran.“ Victor drehte sich um, goss sich aus einer Karaffe noch mal Wein nach und verließ das Zimmer, um in sein eigenes zu gehen.

Alain sank förmlich in sich zusammen. Warum musste es ausgerechnet Victor sein?
Er merkte, das er wohl bald die Karten auf den Tisch legen musste und das behagte ihm in keinster Weise. Er richtete sich wieder auf und blieb im Sessel sitzen, beobachtete wie sich das Feuer durch das Holz fraß.
Nach einer Weile betrat Jacques das Zimmer, wollte Scheite nachlegen doch Alain wies ihn stumm ab.
Langsam brannte das Feuer herunter und der Vampir blieb in dem immer kühler und dunkler werdenden Raum.

Victor tobte in seinem Zimmer ein wenig herum und setzte sich da erschöpft auf seinen Sessel. Er war ausgepowert und kam nur langsam zur Ruhe. Er verstand Alain nicht, aber das hatte er ja noch nie. Schließlich überlegte er einen Moment und erhob sich, ging zurück in den Salon. Langsam trat Victor näher und ließ sich Alain gegenüber in den Sessel sinken. „Rede mit mir.“ verlangte er dann leise.

Ausdruckslos starrte der Vampir in das fast verglühte Feuer, von dem nur noch Asche übrig war. Nur kleine Scheite waren noch zu erkennen, dort wo die Glut leuchtend orange glimmte. Es schien als würde Alain Victor gar nicht wahrnehmen. Es dauerte eine ganze Weile bis er etwas sagte.
„Hätte ich dich dem sicheren Tod ausliefern sollen?“

Victor schwieg einen Moment. „Ich nehme an, du redest von Schottland..“ sagte er dann leise. „Ich verstehe, das du mich hast gehen lasse, aber ich verstehe nicht, warum du dich nicht mehr gemeldet hast, wenn du doch genau wusstest, das ich das Schicksal in mir trage, ein Vampir zu werden.“

„Sieben Jahre lebte ich in einer Art Exil. Meine Befürchtung hat sich bewahrheitet. Ich hatte dich in eine Löwengrube geworfen.“ Alain setzte sich etwas auf. „Ich wusste, das wenn du als Vampir erwachst, egal wann, das du mich suchen würdest, allein aus dem Grund das du wütend auf mich wärst; aber du hast nichts mit meiner Vergangenheit zu tun, aber Balthasar hätte dich in jedem Fall in seinen Racheplan eingespannt. Das konnte ich nicht zulassen.“ Er zuckte die Schultern und legte sich eine Hand über die Augen.

„Wen interessiert Balthasar. Der hat in mir auch nur einen Ersatz für Alain gesehen.“ Victor sah Alain immer noch unverwandt an. „Denkst du wirklich, ich hätte mich von ihm einspannen lassen? Francois, mit dem was du über mich weißt, denkst du das allen Ernstes?“ Ein schmales Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Ich hätte dich gesucht, das sicherlich, allein schon um dich anzuschreien und meinem Jähzorn freien Lauf zu lassen.“

„MICH interessiert Balthasar.“ Bemerkte Alain kalt, er zog seine Hand zurück und sah nun Victor das erste Mal an, seit dieser den Raum erneut betreten hatte.
„Verstehst du nicht? Balthasar schreckt vor gar nichts zurück. Wenn er dich nicht mit Worten gegen mich hätte aufbringen können, dann hätte er vor Gewalt erst Recht nicht zurückgeschreckt. Ich könnte mir ein besseres Bild von dir vorstellen, als dich mit aufgerissener Kehle vor meiner Zimmertür zu finden.“

„Und aus diesem Grund hast du dich nicht mehr gemeldet.“ stellte Victor fest und lehnte sich zurück, erwiderte Alains Blick. „Nun, ich gebe zu, das würde mir auch nicht gefallen. Ich würde schon gern bei dir liegen, aber nicht auf diese Art und Weise.“ Victor fuhr sich durch die Haare. „Francois, mir fehlt im Moment sicher der nötige Ernst, aber hättest du mich nicht schützen können?“

Alain lachte leise auf, dann sah er Victor ernst an.
„Was glaubst du, was ich getan habe?“ fragte er und erhob sich, ging zu einem Regal, griff zu den Büchern und nahm eine schwarze Mappe heraus. Er legte sie vor Victor ab, die Handfläche darauf liegend lassend.
„Das sind die Papiere. Du bist ab heute der neue Besitzer,...mach was draus.“

„Eigentlich meinte ich mehr Seite an Seite.“ Victor sah die Mappe an, dann legte er die Hand auf die von Alain und hob den Blick. „Ich verspreche es dir. Aber was passiert jetzt? Es war mein Ernst, Francois, ich werde dich nicht gehen lassen. Und wenn du klammheimlich verschwindest, werde ich dich suchen.“

„Dann werde ich hier bleiben, solange bis ich sterbe.“ meinte Alain, zog langsam seine Hand unter Victors hervor.
„Ich bin vielleicht unsterblich,...aber nicht unverletzlich.“ wisperte er und begab sich zur Tür.
„Entschuldige mich, aber ich habe Hunger.“ Er nickte Victor zu. Wenn er jetzt nicht ging, würde er wohl über den anderen herfallen, in jedem Sinne.

„Das ist mir klar, aber wer sollte dich verletzen?“ Victor erhob sich und folgte dem Vampir. „Ich würde ja sagen, nimm mich, aber ich denke, das würdest du nicht wollen.“ Er stand dicht hinter Alain und legte ihm nur ganz kurz die Hand auf den Rücken. „Ich werde mich auf mein Zimmer zurück ziehen.“ meinte er dann.

„Was ich will und was ich nicht will...“ begann Alain und sah über seine Schulter. „Die Frage ist...willst du es?“ Er hob eine Hand und schüttelte den Kopf. „Antworte nicht.“
Er machte Victor den Weg frei und begab sich in die entgegengesetzte Richtung.

Victor schüttelte den Kopf, er verstand Alain nicht. Vielleicht war es diesem wirklich nicht recht, das er immer noch in ihn verliebt war, oder das er es so unverblümt geäußert hatte. Er sah dem Vampir nach und ging auf sein Zimmer.