Elisabeth stieg aus einem Taxi und betrachtete das Chateau von außen. Wenn Victor glaubte, das sie so einfach kampflos aufgab, dann hatte er sich getäuscht. Dazu war sie viel zu neugierig und sie hatte den Zettel mit den Daten wirklich rein zufällig gefunden. Sie stieg die Treppe hinauf und klopfte...mal sehen, was Victor zu ihrer Überraschung sagen würde.

Jacques öffnete die Tür und sah die fremde Frau erstaunt an. Es war bereits Nacht. „Madame?“ fragte er verwirrt. „Was...wünschen sie?“
Es war lange her gewesen, das eine Frau das Chateau betreten hatte. Schließlich jedoch besann er sich und musterte sie kurz. Sie war in der Dunkelheit angereist, besser sie erst einmal herein zu bitten. Also machte er den Weg frei und fragte nach dem Gepäck um es ihr abzunehmen.

„Guten Abend“ Elisabeth lächelte Jacques an und betrat das Haus. „Ich bin die Freundin von Herrn Severin, Victor Severin. Er ist doch hier im Haus zu Gast, nicht war?“ Sie reichte dem Diener ihr Gepäck und sah sich dann neugierig um.

Jaques nickte etwas überrascht. „Bitte folgen sie mir.“ Und deutete voraus. Er brachte Elisabeth zu Victors Zimmer.

Victor sah auf, als es an seine Zimmertür klopfte. „Herein..“ sagte er und erhob sich aus seinem Sessel, in dem er die letzte Viertelstunde verbracht hatte.

Lis’ drängte sich an Jaques vorbei und öffnete die Tür.
Sie lächelte Victor gewinnend und ein wenig triumphierend an. „Hi.“ Flötete sie, stemmte die Hände in die Hüften und sah sich anerkennend in seinem Zimmer um.

„Elisabeth“ Victor stand da wie vom Donner gerührt. Dann bedankte er sich bei Jacques und schloß die Tür. „Sag mal, was hat dich den geritten, mir nachzufliegen? Wenn ich dich dabei haben wollte, hätte ich dich von vornherein mitgenommen.“ Sagte er und man merkte ihm sehr deutlich an, das er nicht erfreut war.

Elisabeth kniff ein wenig die Augen zusammen. „Wenn du glaubst, das du mich einfach abschieben kannst, wie einen alten Hund, dann hast du dich geschnitten!“ Sie kam auf ihn zu und piekte ihm bei jedem Wort den Zeigefinger gegen die Schulter.
„Ich gebe nicht so einfach auf.“

„Dann, meine Liebe, wirst du dir wahrscheinlich die Zähne ausbeißen.“ Victor war unbeeindruckt. „Ich hätte es dir wahrscheinlich schon viel früher sagen sollen, aber es gibt jemanden in meinem Leben, der mir sehr viel bedeutet und den ich jetzt wieder getroffen habe. Und ich habe nicht vor, ihn wieder aufzugeben.“

„Und das konntest du mir natürlich nicht vorher sagen, wie? Falls es schief geht, hast du ja daheim noch jemand in der Hinterhand. Zwei Eisen im Feuer sind ja besser als eines, nicht wahr?“ fragte sie bissig.

„Nein, das ist nicht der Grund. Ich wusste nicht, das ich ihn jemals wiedersehen würde. Und vor allem habe ich gedacht, das ich über ihn hinweg bin. Aber als ich ihn wieder gesehen habe, hat sich das als Irrtum heraus gestellt.“ Victor sah Lis an. „Ich kann leider nichts gegen meine Gefühle tun, was nicht heißt, das ich dich nicht auch geliebt habe...auf andere Weise.“

Elisabeth schnaufte abfällig.
„Wie nett von dir.“ Ihre Stimme lief förmlich über vor Sarkasmus. „Und das hast du vor einem Monat noch nicht gewusst? Ach ich weiß, da war es noch ein alter Freund!“
Sie zitterte vor Wut und schluckte die Tränen hinunter, diese Blöße wollte sie sich nicht geben.

„Ich weiß das du wütend bist und verletzt. Das ist auch dein gutes Recht. Aber ich habe auch wirklich nicht gewusst, was das ganze in mir auslösen würde. Ich habe wirklich gedacht, ich hab ihn abgehakt. Ich kann es aber nicht. Lis...es tut mir leid.“ Victor stand etwas verloren rum, wollte sie in den Arm nehmen und ließ es dann lieber, in ihrem Zustand würde sie ihn wahrscheinlich ungespitzt in den Boden hauen.

„Steckt dir das sonst wohin...“ Lis’ zeigte Victor ihren schönen Mittelfinger und knallte die Tür hinter sich ins Schloss.
Ja super, und nun? Wie sollte sie jetzt zurück kommen? Mitten in der Pampa wo sie war, würde sie mit Sicherheit kein Taxi finden.
Sie schluckte verzweifelt, aber die Tränen gewannen die Oberhand, so das sie sich erst einmal die Hand über die Augen legte.
„Madame?“
Elisabeth hob erschrocken den Kopf, wischte sich ein paar Tränen weg und schluckte. Der Mann kam ihr bekannt vor. War das nicht der...Sicher, die Haare allein ließen keinen Zweifel zu. Sie lächelte unsicher.
„Elisabeth, Elisabeth Friedmann.“ brachte sie etwas holprig zustande und reichte Alain die Hand. Er erwiderte den Händedruck.
„Alain Dûmond...Sie sind Victors Freundin.“ Stellte er mehr fest als er fragte, daraufhin nickte sie nur und zuckte schließlich die Schultern.
„Wie es aussieht, ist Victor nicht gerade begeistert sie zu sehen.“
„Nein.“
„Kommen Sie.“ Er legte Lis’ eine Hand auf die Schulter und führte sie in ein anderes Zimmer.

Victor seufzte, einen Moment stand er da wie versteinert. Er wusste, er hatte sie verletzt und das tat ihm leid, denn er hatte sie wirklich gern. Nach einer Denkpause öffnete er die Tür, ihren Namen schon auf den Lippen. Allerdings sah er nur noch, wie Alain sie in ein anderes Zimmer brachte. Er folgte ihnen und blieb unschlüssig an der Tür stehen.

Lis’ betrat das Zimmer und ließ sich dort in einen Sessel fallen. Sie betrachtete Alain und lächelte schief.
„Sie sind es, nicht wahr?“
Alain betrachtete sie einen Moment fragend. „Ich denke ja.“ Antwortete er nur knapp.
„Sehen sie, ich wusste nicht einmal das er auf Männer steht.“ Sie lachte plötzlich auf und schüttelte über sich selbst den Kopf. „Ich bin doch eine seltendämliche Kuh...“
Der Vampir stand noch immer an der Tür. Er empfand für sie kein Mitleid, weshalb auch. Er liebte Victor und der liebte ihn, da störte sie nur...andererseits konnte er auch nur zu gut verstehen, wie sie sich fühlte.
„Jacques wird Ihnen noch etwas zu essen bringen.“ Meinte er nur und verließ das Zimmer, stand Victor gegenüber.
„Du hättest mir sagen sollen, das weitere Gäste eintreffen.“ bemerkte er ruhig und schob sich an ihm vorbei um Jacques Bescheid zu geben.

Victor zuckte zusammen, als die Tür aufging und Alain plötzlich vor ihm stand. „Hätte ich, wenn ich es gewusst hätte..“ sagte er und warf Lis einen Blick zu, bevor er die Tür schloß. „Ich sorge dafür, das sie wieder nach Hause fliegt morgen.“ Er lief hinter Alain her in Richtung seines Zimmers, blieb an seiner Tür stehen.

„Mach dir keine Mühe. Sie kann gern bleiben.“ Meinte Alain und ging die Treppe hinunter. Im Empfangsraum angekommen sprach er mit Jacques und bat ihn, noch ein Tablett fertig zu machen und es der Dame aufs Zimmer zu bringen.

„Nun, schön, wenn du damit einverstanden bist. Ich nicht.“ Victor öffnete seine Tür und warf sie schwungvoll ins Schloss. Nun wollte er gefällig sein und dann so was. Dieser Vampir legte es darauf an, ihn in den Wahnsinn zutreiben, wie früher schon. Damals war er durchs Fenster gekommen, wann er wollte, war verschwunden wie es ihm beliebte und nachts um drei mit blutigem Mantel vor seiner Tür gestanden. Victor musste trotz allem grinsen und lehnte sich an das Türblatt. Damals hatte er gedacht, er wäre kurz vor dem Durchdrehen und jetzt war alles so selbstverständlich, das er schon nicht mehr weiter drüber nachdachte.

Alain hatte noch etwas gewartet, eigentlich lange genug, das Victor bereits im Bett lag.
Er schlich sich in dessen Zimmer, stand vor seinem Bett und betrachtete ihn. Ein innerer Drang führte ihn dazu. Er liebte es Menschen einfach nur zu betrachten, vor allem Menschen die er liebte. Er setzte sich zu ihm auf die Bettkante und strich Victor durch das dunkle Haar. Er sah Alain verdammt ähnlich... aber es war nur das Aussehen. Victors Art war das ganze Gegenteil zu Alain, wahrscheinlich hatte er ihn deshalb so in seinen Bann gezogen. Er liebte so zwei unterschiedliche Menschen, die sich eben nur ähnlich sahen.

Victor war zu Bett gegangen, nachdem er von Jacques erfahren hatte, das Lis zu essen bekommen und sich ebenfalls zur Ruhe begeben hatte. Eine ganze Weile wälzte er sich von rechts nach links, das Bett war groß genug, um darin verloren zu gehen und so kam er sich auch vor. Schließlich war Victor eingeschlafen und lag, die Decke zwischen den Beine zerknautscht und das Kissen unter den Kopf gestopft. Aber richtig tief schlief er nicht und so bekam er auch mit, das er berührt wurde. Im Halbschlaf drückte er sich näher heran und seufzte leise. „Francois?“ murmelte Victor leise, ließ die Augen aber geschlossen.

Alain lächelte für sich und liebkoste ihn weiter mit den Fingerspitzen. Sogar im Halbschlaf nannte ihn Victor bei seinem richtigem Namen, er schien da richtig einen Narren dran gefressen zu haben.
Er beugte sich leicht über ihn um seinen Duft noch tiefer einzuatmen. Er roch noch immer genauso verführerisch und Alain schloß genießerisch die Augen.

Victor schnurrte leise und kuschelte sich tiefer in die Kissen. Die Berührung war angenehm und er begann sich leicht zu räkeln. Wie lange hatte er das vermisst. Alains Geruch umgab ihn und Victor öffnete nun doch die Augen. Ohne was zu sagen, sah er den Vampir einfach nur an, ein kleines Lächeln schlich sich in sein Gesicht. Alain hatte die Augen geschlossen und sah sehr zufrieden aus.

Alain öffnete langsam die Augen und sah sich denen von Victor gegenüber. Schweigend überbrückte er die geringe Distanz und gestattete sich endlich von diesen sündigen Lippen zu kosten. Er raubte Victor einen sanften Kuss und löste sich wieder von ihm.
Nochmals strich er ihm durchs Haar und zog seine Hand zurück, um zu gehen.

Victor hatte die Augen wieder zufallen lassen, um sich ganz auf die sanfte Berührung seiner Lippen und den Geschmack konzentrieren zu können. Erst, als Alain sich wieder löste, öffnete er sie wieder und griff nach der Hand des Vampirs. „Bleib hier...“ bat er leise. „In dem Bett gehe ich allein verloren.“ Victor lächelte etwas verlegen und ließ dann Alains Hand wieder los, er wollte ihn schließlich nicht gegen seinen Willen festhalten. „Bitte...“ bat er dann leise.

Alain seufzte leise, strich mit den Fingerspitzen über Victors Handrücken.
„Ich kann nicht...“ wisperte er und ließ für einen Moment den Kopf hängen. Als er ihn wieder hob, fuhr er mit einem Finger Victors Lippen nach, beobachtete sich dabei fast sehnsüchtig.
Wie gern würde er sich zu ihm legen, einfach nur um bei ihm zu sein.
Als er sich erhob, strich er ihm über den Arm und wisperte: „Warte auf mich...“ leise entfernte er sich von Victors Bett und verließ dessen Zimmer.

Victor sah Alain etwas enttäuscht an, nickte dann aber. Sagen brauchte er nichts, natürlich würde er auf Alain warten, hatte er jetzt ja sieben Jahre lang getan. Wenn auch unbewusst. Als der Vampir das Zimmer verlassen hatte, kuschelte sich der Barkeeper wieder in die Decke und schmiegte sein Gesicht in den seidigen Bezug. Er schloss die Augen und wartete.

Jacques hatte bereits das Frühstück zubereitet, jetzt wartete er nur noch auf die Gäste des Chateaus.
Lis’ war die erste die den Speisesaal betrat, begrüßte den Butler nur knapp. Hunger hatte sie eigentlich keinen, aber einen Kaffee brauchte sie unbedingt. Sie hatte schon früh mit einem Reisebüro telefoniert um sich ein Ticket zu sichern.
Der Platz gegenüber war leer und sie hoffte das er das auch bleiben würde, bis sie ging.

Victor war über seiner Warterei eingeschlafen und als er aufwachte, musste er feststellen, das Alain wohl überall geschlafen hatte, aber nicht bei ihm. Vielleicht hing er kopfüber in einem Schrank oder was auch immer, Victor war sauer. Er erhob sich du ging ins Bad, um zu duschen und sich anzuziehen. Tagsüber konnte er Alain ja eh nicht stören, aber heute Abend würde er im schon sagen, was er von der ganzen Sache hielt.
Nachdem er geduscht und sich angezogen hatte, ging er in den Speisesaal, Vic brauchte Kaffee und zwar dringend.

Elisabeth bemerkte im Augenwinkel eine Bewegung und erkannte Victor. Sie zögerte einen Moment, dann entschied sie sich jedoch dafür, ihn nicht zu begrüßen und sich weiter ihrem Frühstück zu widmen, oder eben ihrem Kaffee.

„Morgen“ tönte Victor ebenso sauer, wie er war und eigentlich war es ihm egal, ob Lis ihn beachtete oder nicht. Er nahm sich Kaffee und setzte sich, dann sah er sie an. „Hast du schon einen Weg gefunden, um wieder abzureisen?“ fragte er dann, während er seinen Kaffee schluckweise trank, wie Medizin und langsam wieder runterkam.
Die Tasse wurde mit einem Knall auf dem Tisch abgesetzt. Elisabeth perforierte Victor mit Blicken und erhob sich schweigend. Anscheinend konnte es ihm ja nicht schell genug gehen, sie loszuwerden.
Sie wandte sich an Jacques. „Monsieur Dûmond sagte mir, sie könnten mich in die Stadt bringen.“
Der Butler nickte. „Natürlich Madame. Ich werde den Wagen vorfahren.“ Und wandte sich an Victor. „Haben sie noch einen Wunsch?“
Lis’ nutzte diese Gelegenheit um zu gehen und ihren ja noch gepackten Koffer aus ihrem Zimmer zu holen.

„Es tut mir leid,“ rief Victor ihr noch nach, aber machen konnte er so oder so nichts. Er hatte sie verletzt, vor den Kopf gestoßen, er war ein Schwein und das ließ sie ihn spüren. Aber das schlimmste war, das es ihn noch nicht mal so richtig tangierte. Vic wandte sich an Jacques und bat um etwas Toast, dann wandte er sich wieder seinem Kaffee zu.

Leise Verwünschungen flüsterte sie vor sich her, während sie auf ihr Zimmer stampfte.
Jacques gab Order in die Küche und Victor wurde Toast von dem jungen Mann vom Vorabend serviert, während der Butler zum Chauffeur mutierte und die wütende Frau in die Stadt brachte.
Elisabeth hielt es nicht für nötig sich zu verabschieden, allerdings fragte sie nach dem Hausherrn. Alain wurde entschuldigt und Elisabeth verschwand aus Victors Leben.
Jetzt war er allein, mit dem jungen Diener und einem schlafenden Vampir in einem Jahrhunderte altem Chateau, mitten im Nirgendwo.

Victor nahm sein Frühstück ein und beschäftigte sich den Tag über damit, sich das Chateau und die Umgebung anzusehen und sich ein wenig mit den Gegebenheiten auseinander zu setzen. Am Abend saß er wieder im Speisesaal und wartete darauf, das Alain aufwachte, während er aß...und das sehr gut.

Die Sonne war bereits untergegangen und wieder erfüllte das goldene Licht des Kaminfeuers den Speisesaal. Die Tür vom Salon öffnete sich und Alain betrat den Saal.
„Wie ich hörte, ist die Madame abgereist.“
Er setzte sich an die Stirnseite neben Victor und beobachtete ihn beim Essen.

Victor sah einen Moment auf und widmete sich dann wieder seinem Essen. „Ja, ist sie.“ sagte er nur. Selbst ein Blinder konnte sehen, das er verärgert war. Na weniger verärgert als viel mehr enttäuscht. Vic schob seinen leeren Teller von sich und griff nach seinem Wasserglas, trank einen Schluck. „Hast du wohl geruht?“ fragte er dann.

„Danke, ich habe gut geschlafen.“ meinte Alain und betrachtete Victor kritisch. Das Wasserglas was er in der Hand hielt, konnte binnen weniger Moment zu einer Waffe umfunktioniert werden, dessen war er sich sicher.

„Schön...für...DICH.“ Victor sah Alain an und schwenkte das Glas, drehte es in seiner Hand. „Ich leider nicht so gut, ich habe auf jemanden gewartet, der sich dann anscheinend ganz plötzlich umentschieden hat. Vielleicht hatte er Angst um seine nicht mehr vorhandene Jungfräulichkeit.“ mutmaßte Vic dann. „Dabei hatte ich das nicht einmal beabsichtigt.“

Alain seufzte leise.
„Hast du gerade deine Tage oder doch eher die Wechseljahre?“ fragte er nach und betrachtete Victor eingehend.

„Ach, was sind wir witzig.“ Victor unterdrückte den Drang, Alain das Glas an den Kopf zu werfen. „Ich lach mich tot.“ Er stellte das Glas mit Schwung auf den Tisch und beugte sich etwas vor. „Warum versprichst du mir Sachen, die du dann doch nicht einzuhalten gedenkst?“

„Ich bat dich auf mich zu warten...wenn du das auf die vergangene Nacht beziehst...“ Alain hob die Schultern.
Wie er das vermisst hatte,...sieben Jahre lang hatten sie sich nicht gesehen und bereits am zweiten Tag keifte Victor wie eine langjährige Ehefrau. Aber vielleicht war das auch nur die nicht beachtete Libido. Er musste schmunzeln, als er daran dachte und seine Augen blitzten auf.

Victor schnippte mit den Fingern. „Was bin ich doch für ein Dummerchen. Ich vergaß, das ich es mit einen Vampir zu tun habe. 10 Jahre sind wie ein Tagesausflug.“ Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und betrachtete Alain. Bah, wie er es hasste, der Vampir nahm ihn einfach nicht ernst und dabei war es Vic in der Nacht nur um Nähe gegangen und um nichts anderes.
„Du lachst mich aus.“ stellte er dann fest, während er Alain ansah.

Alain schüttelte den Kopf.
„Das tue ich nicht.“ stellte er fest. Würde Victor Gedanken lesen können, würde er Alain in der Luft zerreißen oder vorher selbst explodieren.
„Was hast du heute getan?“ fragte er nach, wechselte wie üblich das Thema.

„Erzähl mir was anderes.“ Victor glaubte Alain nicht, der hatte sich schon früher immer amüsiert über ihn. „Ich habe mich heute ein wenig mit den Räumlichkeiten und der Umgebung des Chateaus beschäftigt.“ sagte er dann, stieg auf den Themawechsel ein. „Es ist ein wunderschönes Haus und eine herrliche Landschaft.“

Alain nickte zustimmend.
„Dann gefällt dir dein Besitz also.“ Zufrieden und ein wenig erleichtert nahm er das zur Kenntnis. Victor wäre mit Sicherheit nicht so begeistert davon, wenn er wüsste, dass das Anwesen einst Alains Wohnsitz gewesen war.
Darum hatte er auch so wenig wie möglich im Haus verändert und aus dem selben Grund war er lange Zeit nicht hier gewesen. Erinnerungen waren manchmal schlimmer als alle körperlichen Wunden.

„Ja, es ist sehr schön.“ stimmte Victor zu und sah sich noch mal wie zur Bestätigung um. „Ich frage mich nur, warum du willst, das ich es bekomme. Du bist hier und kannst es doch auch behalten, das macht für mich keinen Unterschied.“

„Ich möchte es dir schenken. Ich habe hier einst gelebt...als ich noch ein Mensch war, und wenn ich einmal nicht mehr bin, dann weiß ich aber dass das Chateau in guten Händen ist. Nenn es sentimental, aber ich habe etwas gegen Fremde in meinem Zu Hause. Sie würden alles verändern, modernisieren...“ Alain klang abfällig, fast feindselig.
„Oder willst du es nicht?“ fragte er nach.

Victor konnte nicht gleich antworten, weil in seinem Gehirn ein Gedanke Gestalt annahm, der ihm so absolut nicht behagte und auf den er zuvor noch nicht gekommen war. „Es ist Alains Haus, habe ich recht?“ fragte er dann und sah den Vampir an. „Und außerdem, rede nicht immer vom Sterben. Du bist schon tot.“ bemerkte er trocken. „Aber um dir einen Gefallen zu tun, werde ich es annehmen. Aber nur unter der Vorraussetzung, das du hier bleibst. Ich habe was dagegen, allein zu sein und ich glaube nicht, das ich in Zukunft bei Elisabeth punkten könnte.“

Alain seufzte leise.
„Ja, es ist Alains Haus gewesen. Und ich bin Untot.“
Er musterte seinen Gegenüber eine Weile schweigend.
„Victor,...du weißt nun das du als Vampir wieder erwachen wirst, wenn du stirbst, aber...“ er brach kurz ab und versuchte in seinem Gesicht zu lesen, bevor er weitersprach. „...Was wäre wenn du die Wahl hättest, dich bereits jetzt zu verwandeln?“

„Ich habe es nur erwähnt, es war gerade so passend.“ Victor erwähnte Alain nicht weiter, es war eh unerheblich. Er sah aus wie er, nun gehörte ihm auch noch das Chateau, also kam es darauf auch nicht mehr an.
Die nächste Frage allerdings verblüffte ihn und machte ihn nachdenklich. „Ich weiß nicht,“ sagte er dann ehrlich. „Als du dich damals vergessen hast, hatte ich schon abgeschlossen und es hat mich nicht gestört. Ich denke, das es mich jetzt auch nicht stören würde.“ Victor sah Alain an. „Würdest du das wollen? Das ich mich jetzt gleich entscheide?“

„Nun, nicht sofort.“ Alain erhob sich und wanderte zum Kamin, nahm vom Sims eine Schatulle herunter und hielt sie in Händen, wandte sich zu Victor um.
„Du solltest schon darüber nachdenken können. Vor allem, was ist mit deiner Familie!?“

„Meine Familie?“ Victor sah Alain an und runzelte die Stirn. „Was soll mit ihr sein? Ich würde dich ihnen gern mal vorstellen, ansonsten würden sie sich vielleicht wundern, weil ich nicht mehr altere und meiner Mutter ihren weltberühmten Käsekuchen verschmähe.“ Der Barkeeper war neugierig wegen der Schatulle, aber ließ es sich nicht anmerken.

Alain nickte.
„Genau deshalb. Ich überlasse es dir ihnen die Wahrheit zu sagen...“
Er sah ihn dennoch etwas überrascht an.
„Mich ihnen vorstellen?“ Alain schmunzelte. „Das stelle ich mir überaus amüsant vor.“

„Also die Wahrheit werden sie mir wohl kaum glauben. Mein kleiner Bruder vielleicht, aber meine Eltern sicher nicht.“ Victor schlug ein Bein übereinander und umfasste mit beiden Händen sein Knie. „Ja, eigentlich würde ich dich ihnen schon gern vorstellen. Ist dann gleichzeitig wohl auch so was wie mein Outing.“

„Und wie willst du Ihnen dann erklären, wieso ich nichts trinke oder esse?“ Alain schien dieser Gedanke immer mehr zuzusagen. Er nickte sich selbst zu und sah Victor mit leuchtend blauen Augen an.
„Ich würde gern deine Familie kennen lernen.“
Das würde das erste Mal sein, das er ‚Schwiegereltern’ bekam. Er lachte leise. Was für eine Fiktion.

„Was weiß ich...ich erzähle ihnen, du bist ein Asket und hast eine Woche zu fasten...irgendwas fällt mir schon ein. Ich kann deine Portionen ja mitessen..“ Victor winkte ab, ein wenig Phantasie hatte er ja. „Und vielleicht sollte ich meiner Mutter sagen, das sie irgendwas Blutiges im Haus haben sollte außer Blutorangensaft.“ Er überlegte kurz. „Du musst mir eben nur sagen, wie es dir passt und dann fliegen wir zurück nach Deutschland. Oder aber wir lassen sie hierher kommen für ein Wochenende oder so.“

„Ich habe immer Zeit.“ Schmunzelte Alain und hob die Schultern.
„Wir können sie gern einfliegen lassen, das soll kein Problem darstellen. Aber vielleicht ist es besser, wenn wir sie in Deutschland besuchen. Meinst du nicht, das es dann weniger schockierend wirkt?“
Er kam näher und beugte sich zu Victor hinab, hauchte ihm einen Kuss auf den Mundwinkel.
„Ruf sie an und teile unsere Ankunft mit. Ich freue mich darauf.“ Er lächelte diabolisch und richtete sich wieder auf.
„Entschuldige mich...“

„Wenn sie das hier sehen, ist es wahrscheinlich schon ein Schock.“ Victor strich mit den Fingerspitzen durch Alains Haar, bevor dieser sich wieder aufrichtete. Er nickte und erhob sich. „Ich werde mein Handy holen und sie anrufen. Nächste Woche? Wir können bei mir wohnen, da kennst du dich ja aus.“ Er lachte leise und streckte sich durch. „Ich bin in meinem Zimmer, wenn du mich suchst.“ Vic ging durch die Tür und direkt in sein Zimmer, um sein Handy zu suchen und zu telefonieren.