Francois begrüßte Victors Vater, musste ein wenig den Kopf einziehen als er in das Wohnzimmer trat.
„Es riecht hier sehr gut, Madame.“ und meinte eigentlich das Aroma des rohen Fleisches, das noch wie eine kleine unsichtbare Dunstschwade im Raum hing.
Er sah sich nach Victor um und lächelte ihm zuversichtlich zu. Er hatte keine Bedenken, was den Abend betraf. Der war ganz nach seinem Geschmack und würde sicherlich noch einige Überraschungen parat halten.

„Haben sie vielleicht doch Hunger?“ Victors Mutter deutete auf das Sofa und bat Francois, sich zu setzen.
Victor ließ sich neben dem Vampir nieder, bevor sein Bruder auf die Idee kommen könnte. Julian liebte es ja, ihn zu ärgern.

Stimmt. Julian liebte es, seinen Bruder hoch zu jagen. Aus diesem Grund setzte er sich auf den Sessel und sah Francois an. „Also...ich hab das richtig begriffen, ja? Sie sind der Freund meines Bruders, der ist schwul und sie sind jemand, der ohne Essen auskommt.“
„Julian...“ warnte Frau Severin, die sich ebenfalls gesetzt hatte. „Das sind Sachen, die dich nichts angehen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ich frag dich doch auch nicht nach deinem Liebesleben.“

Francois setzte sich und hob abwehrend die Hand. „Oh, nein danke, Madame. Ihr Essen ist sicherlich ein Gedicht, aber ich bin bereits satt und es passt wirklich nichts mehr rein.“ Lächelte er, wobei ein kleiner Schluck von Victors süßem Blut würde er nicht ablehnen.
Er wandte sich Julian zu und lächelte. „Er ist ‚mein’ Freund, das stimmt.“ So richtig etwas mit dem Begriff, schwul hatte er noch nie etwas anfangen können. Bereits als das Wort das erste Mal auftauchte, konnte er dazu keinerlei eine Beziehung aufbauen. Er liebte Männer und gut...
Aber wie musste das wirken? Er war immerhin, äußerlich, elf Jahre jünger als Victor. Vielleicht galt er als naives Bürschchen, das sich an einem älteren Mann orientierte. Wenn man sieben Jahre zurückrechnete, wäre Francois gerade mal vierzehn gewesen... er hoffte, daran hatten seine Eltern noch nicht gedacht.

Julian hatte bereits den Mund geöffnet, schloss ihn aber wieder, als er Victors Gesicht sah. Sein Bruder sah aus, als würde er ihn im nächsten Moment kalt lächelnd erwürgen und er wusste, das er den Bogen nicht überspannen durfte.

Victor wandte den Blick ab und sah dann seine Mutter an. „Danke Mama...“ sagte er mit einem Lächeln und sah sie liebevoll an. „Um das jetzt hier mal ganz klar in den Raum stellen. Ich liebe Francois. Und deswegen habe ich ihn auch mitgebracht, damit ihr ihn kennen lernt. Und ich hoffe, damit sind jetzt alle Sachen geklärt.“

Julian zuckte die Schultern und Vics Vater sah nicht sonderlich überrascht aus. Seine Mutter lächelte nur. „Ich bin vielleicht alt, aber nicht dumm, Vic. Ich kenn dich gut genug. Und jetzt reden wir über etwas anderes.“ Sie wandte sich an Francois. „Victor hat erzählt, das sie vorhaben, nach Frankreich über zusiedeln.“
Francois lächelte und musste innehalten. Nun von übersiedeln konnte keine Rede sein, schließlich war er dort geboren und hatte dort auch gelebt, aber er nickte.
„Ja, ich wurde dort geboren und mein verstorbener Vater hat mir ein Chateau in der Normandie hinterlassen. Ich möchte gern dahin zurückkehren.“
Nun es war keine Lüge, schließlich war Alain ein Vater für ihn gewesen und er hatte ihm das Haus hinterlassen. Er hatte es zwar Victor überschrieben, aber das musste man ja nicht an die große Glocke hängen, und würde eh nur zu viele Fragen aufwerfen.

„Und Victor wird mit ihnen gehen“ stellte Julian fest und warf seinen Bruder einen Blick zu. „Nicht schlecht..“ wobei er offen ließ, ob er nun das Chateau meinte oder einfach die Tatsache, das Vic einen guten Fang gemacht hatte.
„Ja sicher. Ich begleite Francois nach Frankreich, weil das sein Wunsch war.“ Victor hatte permanent das Gefühl, sich verteidigen zu müssen.
„Hm, du wolltest doch so oder so immer mal ins Ausland. Und jetzt hast du das eben geschafft. Solange ihr uns regelmäßig besucht, ist das für mich ja auch kein Problem.“ Herr Severin hatte das Wort ergriffen und lächelte. „Immerhin bist du 32 Jahre alt und solltest wissen, was du willst.“

„Ein drei Stunden Flug, mehr trennt sie nicht von Victor.“ wandte Francois ein. „Du kannst uns gern, mit deiner Freundin besuchen kommen.“ Meinte er zu Julian, wandte sich gleich an seine Eltern. „Das gilt natürlich auch für sie. Sie sind jederzeit herzlich willkommen.“

„Nur, wenn du dich anständig benimmst“ dämpfte Victor sofort Julians Euphorie und warf Francois einen Blick zu, der ihn genau wissen ließ, was er davon hielt.
„Ich würde euch gern mal besuchen kommen“ sagte seine Mutter und erhob sich, um etwas zu trinken zu holen.
Als es klingelte, sprang Julian in die Höhe. „Das wird Silvie sein..“ sagte er grinsend und verschwand, um die Tür zu öffnen.
Kurze Zeit später erschien er mit einem blond gelockten Wesen, das gänzlich in schwarz und Spitze gekleidet war. „Hallo, ich bin Silvia..“ sagte sie freundlich und reichte Victor die Hand. „Und du bist Juls Bruder....das sieht man.“ Sie musterte Francois und reichte auch diesem die Hand. „Ihr seid ein auffallendes Paar...sehr konträr.“ Sagte sie und setzte sich neben Julian.

„Das kann man wohl unumwunden zurückgeben, Mademoiselle.“ Francois schmunzelte als er sie sah. Wie er es liebte. Menschen dich sich der Dunkelheit verwandt fühlten, sich für Vampire hielten oder sie gern darstellten, aber keine Ahnung davon hatten, wie es wirklich wahr.
Auch ihr gab er charmant einen Handkuss.
Er nahm wieder neben Victor Platz.
„Wir sprachen gerade davon, das ihr alle uns einmal im Chateau in Frankreich besuchen solltet, damit bist du ebenfalls eingeschlossen.“ Nahm er das Thema wieder auf.
Silvia war erstaunt und sah Julian an. „Klingt gut.“ lächelte sie. „was hälst du davon, Ju?“

„Ich bin...“ „Ju ist begeistert, aber leider wird er dazu auch meine Erlaubnis brauchen.“ sagte Victor liebenswürdig. Betont liebenswürdig. „Und wenn er sich nicht ausgesprochen gut benimmt, wird er Frankreich nie zu sehen bekommen.“

Frau Severin kam mit Wein, Bier und Saft zurück und reichte es durch. „Bedient euch...hallo Silvia.“
Silvia warf Victor einen Blick zu und zuckte die Schultern. „Was immer man unter gut benehmen versteht.“

Francois seufzte leise, strich Victor sanft über den Oberschenkel. „Geschwisterliebe..“ bemerkte er leise, schmunzelte aber. „Außerdem habe ich da auch noch ein Wörtchen mitzureden, nicht wahr mein Lieber!?“
Francois zog eine Zigarettenschachtel hervor und sah fragend in die Runde. „Gibt es hier einen Balkon?“

Julian griff sich ein Bier und warf Victor einen Blick zu. „Siehst du? Dein Freund ist nicht so ein Stinkstiefel wie du.“

Victor erhob sich und sah Francois an. „Komm, ich zeig dir den Balkon und rauch eine mit.“ Er ging voraus und öffnete die Tür. Seine Eltern und auch sein Bruder rauchten nicht, wie es sich mit dessen Freundin verhielt, wusste er allerdings nicht. Zum Glück schien Silvia sich ihnen aber auch nicht anschließen zu wollen, da sie sehr angeregt mit seiner Mutter sprach.

Francois folgte Victor und schmunzelte für sich. Er würde mit Sicherheit erst einmal rund erneut.
Er zog die Tür hinter sich zu, hielt ihm seine Schachtel hin und meinte gleich.
„Ich weiß. Verzeih einem Vampir der sich bei der Familie seines Geliebten einschmeicheln will.“ Seine Augen blitzten amüsiert.

Victor lehnte sich an die kalte Betonwand, griff sich eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an. „Du musst gar nicht so tun..“ grummelte er zwischen zwei Zügen. „Denkst auch du kannst mir den Wind aus den Segeln nehmen. Ich hab genau gesehen, was du mit meinem Bruder gemacht hast.“ Er sah Francois an und seufzte leise. „Sind sie sehr schlimm?“

„Was hab ich denn gemacht?“ Francois hob die Schultern.
Er betrachtete Victor von der Seite. „Denkst du, das ich sie als schlimm empfinde? Sie sind sehr nett. Ich habe nichts anderes erwartet. Und dafür das es dein Outing war, haben sie toll reagiert.“
Er zog tief den Rauch ein.
„Aber dein Bruder und seine Freundin sind faszinierend.“ Lachte er leise. „Lass mir doch meinen Spaß.“

„Ich weiß nicht, ich will ja, das du dich wohlfühlst.“ Victor lächelte leicht und aschte über die Brüstung ab. „Ja, das haben sie, aber ich glaube, meine Mutter hat schon geahnt, was Sache ist. Ich hab ja oft genug von dir erzählt.“ Er warf einen Blick durch die Balkontür und beobachtete seine Bruder und dessen Freundin. „Auf ihre Art schon. Sie würden wahrscheinlich durchdrehen, wenn sie wüssten, was du wirklich bist.“ Vic lachte leise und warf Francois einen liebevollen Blick zu.

„In welchem Sinne auch immer...“ Francois trat an die Brüstung und sah sich die Umgebung an.
„Was hast du ihnen erzählt, das ich nichts esse?“ fragte er nach ohne ihn anzusehen, schnippte die Asche über die Brüstung und nahm einen weiteren tiefen Zug.

Victor drückte seine Zigarette im vorhandenen Aschenbecher aus und trat neben Francois an die Brüstung, legte ihm den Arm auf die Schulter und strich liebevoll darüber. Dann nahm er ihn wieder weg und sah auf die Lichter der Stadt hinunter. „ich habe ihnen erzählt, das du fastest. Das war auf die Schnelle der erste Gedanke, der meinem Hirn entsprungen ist...meine Phantasie ist ja nun nicht grade überschäumend.“ Er grinste etwas schief.

Im Wohnzimmer unterhielten sich derweil Vics Mutter und Silvia und waren sich einig, das Francois ein sehr gut aussehender Mann war, sehr charmant und ein ganz eigenes Charisma besaß. Julian äußerte sich nur, das er nicht verstehen konnte, was der Mann denn an einem Typ wie seinem Bruder finden konnte, wo Vic doch um einiges älter war. Allerdings fand er mit seinem Gerede keine Lobby.

„Du bist doch bloß Eifersüchtig.“ Stichelte Silvia. „Weil dein Bruder so gut aussieht.“ Sie grinste breit über Julians Gesichtsausdruck.
„Aber eins hast du Recht...Francois ist doch nicht älter als wir, oder?“ fragte sie langsam.

„Soo toll ist er ja nun auch wieder nicht“ grummelte Julian vor sich hin und warf einen Blick durch die Balkontür zu Victor. „Und außerdem ist er schwul, also mach dir mal keine Hoffnungen“ knurrte er weiter.

„Ich weiß es nicht genau“ sagte Victors Mutter zu Silvia und beachtete Julians Geknurre gar nicht. Die geschwisterlichen Kämpfe kannte sie schon, von daher reagierte sie nicht mehr. „Vom Aussehen her sicherlich, aber er wirkt wesentlich erwachsener als Julian und sogar als Victor.“

Silvia kniff ihm nur in den Oberarm und wandte sich an seine Mutter. „Nicht wahr...“ meinte sie begeistert. „Ich würde ihn auf 20, maximal 25 schätzen...“
„217, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.“ Wisperte Francois an ihrem Ohr, das sie erschrocken auf quietschte und sich ruckartig umwandte, ihn mit großen Augen ansah. Hatte sie das richtig verstanden? Eine Hand auf ihr Herz gepresst, krallte sie sich an Julian fest.
Francois lächelte sie an und erhob sich wieder, beobachtete Victors Mutter wie sie den Tisch deckte.
„Kann ich ihnen zur Hand gehen, Madame?“ fragte er und kam gleich drauf näher.

Victor, der Francois gefolgt war, die Balkontüre schloss und die Szene beobachtet hatte, verdrehte die Augen. Seine „Schwägerin“ würde irgendwann noch mal an einem Herzinfarkt sterben, und Francois hätte einen diebischen Spaß dabei. „Francois ist ein Vampir..“ meinte er dann trocken und setzte sich wieder auf das Sofa.

„Nein danke. Sie sind Gast, also setzen sie sich.“ Frau Severin lächelte Francois dankbar an und sah dann Victor an. „Was erzählst du da?“ fragte sie kopfschüttelnd. „So was gibt es doch gar nicht.“

„Ja, das hab ich auch mal gedacht“ murmelte Victor leise und nur für Francois hörbar.

Julian sah den Vampir abschätzend an und legte einen Arm um Silvia. „Ein Vampir?“ fragte er zugegebenermaßen neugierig.

Francois nickte Victors Mutter zu. „Ich würde es aber gern tun...“ setzte sich aber wieder auf die Couch und warf dem jungen Pärchen einen durchdringenden Blick zu, der bis auf den Grund ihrer Seele zu brennen schien.
„Ich bin ein Nachtvogel. Meist stehe ich nicht vor Sonnenuntergang auf, ich reagiere sehr empfindlich auf Tageslicht.“ Erklärte er.

„Ich weiß und das ehrt sie.“ Victors Mutter warf Francois einen warmen Blick zu. „Aber eigentlich ist es die Aufgabe meiner Söhne und nicht ihre.“ Meinte sie dann und Victor erhob sich seufzend. „Ich hab es schon begriffen, Mama. Nur, weil ich Hotelfach gelernt habe, nützt du das aus.“ Grummelnd folgte er ihr in die Küche, aber das war nur Show.

„Ein Nachtvogel. Und wie sieht es dann mit der Arbeit aus? Oder bist du in der glücklichen Lage, nichts mehr tun zu müssen?“ Julian lehnte sich etwas vor, das wurde ja immer interessanter.

„Unser Chateau stellt Cidre her, den besten der ganzen Normandie. Also würde ich sagen, sieht es so aus, als müsste ich nichts mehr tun.“ Lächelte Francois freundlich.
Er fragte sich wie lange es dauerte bis man ihn für verrückt hielt oder die anderen an sich zweifelten.

Julian pfiff anerkennend durch die Zähne. „Wow, dann hat sich mein Bruder ja den Prinzen geangelt. Nicht schlecht, und das ihr in absehbarer Zeit pleite geht, die Gefahr besteht ja nicht. Vic ist ein Geizhals, der dreht jeden Cent dreimal um, bevor er ihn ausgibt.“

Victor wurde derweil in der Küche von seiner Mutter belagert. „Er ist sehr nett und gut aussehend“ sagte sie mit einem Lächeln. „Aber ist er nicht ein wenig zu jung für dich?“ Fragend sah sie ihn an.

„Keine Sorge, Mama...er ist älter als du denkst und wir beide schenken uns nichts.“ Victor lächelte warm. „Ich geb ihn nicht mehr her, komme was wolle.“

„Das Chateau lebt seit Jahrhunderten davon, so schnell gehen wir nicht pleite.“ Schmunzelte Alain amüsiert und musste dagegen ankämpfen Victor nicht einen Kommentar in die Küche zu rufen.
Silvia hielt sich lieber etwas an Julian. Seit dem unerwarteten Auftauchen von Francois, war er ihr noch unheimlicher.
„Habt ihr etwas gegen Vampire?“ fragte er schließlich. „Ihr klingt so überrascht.“ Als spräche er vom Wetter...

„Also ich nicht, falls es denn welche geben sollte“ tönte Julian überzeugt.
„Na ich weiß nicht“ meinte Silvia und ließ Francois dabei nicht aus den Augen. „Ob es so prickelnd ist, gebissen und dann umgebracht zu werden, oder vielleicht sogar selbst einer zu werden..“

„Das ist nicht schlimm.“ Sagte Victor, der mittlerweile wieder zurückgekommen war, Chips und Salzbrezeln dabei und diese auf dem Tisch verteilend. „Das Beißen ist der angenehmste Teil, das ist ziemlich erotisch.“ bemerkte er trocken und setzte sich wieder neben Francois.

Francois betrachtete Victor und grinste leicht. „Ja, kann ich mir vorstellen...“ lachte er und betrachtete die junge Frau.
„Das ist eine gute Frage. Ist es wirklich so toll ein Vampir zu sein?“ Er schwieg einen Moment.
„Unsterblich zu sein, kann nur dann glücklich machen, wenn man jemanden hat mit dem man die Ewigkeit teilen kann. Ansonsten kann einem die Zeit ziemlich lang werden. Davon abgesehen, das man nie wieder die Sonne sehen kann, außer man will danach gegrillt werden.“

„Wer will schon stundenlang in der Sonne sein..“ sagte Victor leise und warf Francois einen Blick zu, der einiges von dem verriet, was er im Moment fühlte.

„Erotisch..“ Julian konnte sich grade nicht mehr über die Bemerkung von Vic einkriegen. „Das lässt auf dein Sexleben schließen, Bruderherz. Du stehst also darauf gebissen zu werden.“

Das war nun genau die Bemerkung, die Victor zum platzen brachte und eine Moment lang beflegelten sich die Brüder, bis Frau Severin wiederkam und dem ganzen ein Ende setzte. „Wie die kleinen Kinder..“ murmelte sie.

Francois seufzte leise und betrachtete Julian. „Höre ich da Eifersucht heraus?“ fragte er beiläufig nach und wandte sich an Silvia. „Vielleicht solltest du ihn öfters beißen...“ was das Mädchen prompt erröten ließ und Francois ein Grinsen entlockte. „Und ich kann ihnen wirklich nicht helfen, Madame?“ man merkte ihm an, das er etwas tun wollte. Es war lang her, das er einer ‚Mutter’ begegnet war, zumal diese Frau ihn ein wenig an Madame Marceau erinnerte, so wie er sich selbst eine Mutter gewünscht hatte... zumindest als kleines Kind.

„Ich würd ihn nicht beißen“ sagte Victor zu Silvia. „Er ist bestimmt giftig.“ Einen bösen Blick auf seinen Bruder werfend, lehnte er sich wieder zurück aufs Sofa und schlug die Beine übereinander.

„Wenn sie möchten, ich hab noch Kuchen in der Küche. Sie könnten mir helfen, Teller hereinzutragen. Denn ich nehme an, das Victor meinem Käsekuchen nicht widerstehen kann.“ Frau Severin lachte leise, als sie dessen Gesicht beobachtete. „Wenn sie meinem Sohn was Gutes tun wollen, dann verwöhnen sie ihn mit Kuchen in allen Variationen. Er ist ein Süßer.“

Victor war rot geworden. „Mama...“ murmelte er verlegen, konnte er sich doch in etwas vorstellen, was Francois daraus machen würde.

Francois erhob sich so gleich, ging in die Küche und sah sich um. In die eine Hand nahm er die bereitgestellten Kuchenteller, in die andere das süße Backwerk.
Victor konnte gar nicht ahnen, wie sehr seine Vermutung in Bezug von Francois Gedanken richtig lag.
Er kam zurück ins Wohnzimmer und mit einer Leichtigkeit, stellte er die Sachen ab, als hätte er zwei zusätzliche Hände.

Frau Severin folgte mit einer Thermoskanne Kaffee und stellte sie auf den Tisch. „Vielen Dank, Francois“ sagte sie mit einem Lächeln und setzte sich wieder. „Und im übrigen möchte ich vorschlagen, das wir uns beim Vornamen nennen, das klingt doch um einiges familiärer. Ich heiße Marianna und da drüben sitzt Paul. Mit Silvia haben wir das auch so gemacht. Ich fühl mich sonst so alt und außerdem sind wir ja auch eine Familie.“

Victor warf Francois einen Blick zu und konzentrierte sich dann auf den Kuchen. Seine Mutter hatte in jeder Hinsicht recht, er war ein Süßer.

Francois nickte zustimmend, gleichzeitig teilte er den Kuchen aus und reichte den ersten Teller an Victor weiter.
Er selbst lehnte sich wieder zurück und beobachtete die Familie. Noch nie war er in einem Raum mit so vielen lebenden Menschen gewesen, ohne daran zu denken sie auszusaugen. Es war ein merkwürdiges Gefühl.

Victor bedankte sich und musste an sich halten, nicht zu gierig zu wirken. Aber bei dem Kuchen seiner Mutter konnte er einfach nicht anders. Zumal er es genießen wollte, so lange es noch ging. Denn irgendwann in absehbarer Zukunft würde Vic den Geschmack von Blut bevorzugen und keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen können.

Der Rest der Familie unterhielt sich, lachte und scherzte. Nur Silvia warf Francois immer mal wieder einen etwas misstrauischen Blick zu.

Francois bemerkte das und warf ihr zielstrebig einen wissenden Blick zu. Sie würde wohl nie mehr ohne Paranoia allein in der Nacht durch die Straßen laufen können.
„Hast du etwas auf dem Herzen?“ fragte er schließlich nach und sah sie offen an.

Silvia zuckte kurz zusammen und schüttelte den Kopf. „Nein eigentlich nicht. Ich kann nur nicht fassen, das du wirklich nichts isst.“ Sagte sie dann.

„Ich sagte doch, Francois ist ein Vampir. Der knabbert später an mir und gut ist.“ Bemerkte Victor fröhlich kauend.

„An dir würde ich auch knabbern, wenn ich kein Vampir wäre.“ Bemerkte Francois beiläufig.
Er wandte sich Silvia zu. „Allerdings hat Victor nun mal Recht. Das einzige was ich zu mir nehme ist Blut, und ich schätze es wird sich keiner freiwillig anbieten.“ Schmunzelte er, strich Victor übers Bein. „Außer dir natürlich...“

Victor warf Francois einen sehr sehr deutbaren Blick zu. Am liebsten hätte er sich den Vampir geschnappt und wäre mit ihm verschwunden.
„Ich immer“ murmelte er nur für Francois hörbar.

Silvia nickte nur, so langsam kam sie sich verarscht vor und fragte sich, ob Victor und sein Freund nicht vielleicht durchgeknallt waren oder einer Sekte angehörten. Normal war das Gefasel jedenfalls nicht.

Julian grinste sich nur eines, sein Bruder und dessen Freund hatten einen Sprung in der Schüssel...wahrscheinlich zuviel Sex. Aber was sollte es, jeder musste selber sehen, was er glaubte und tat und was nicht.

„Ich habe das untrügliche Gefühl, das mir hier niemand glaubt.“
Francois sah in die Gesichter der Anwesenden und nickte zustimmend.
„Ja, eindeutig. Aber das war klar. Es hat mich eine halbe Ewigkeit gekostet, das du mir glaubst.“ Wandte er sich Victor zu und lachte leise.
„Ich bin wahrscheinlich schon als Irrer eingestuft.“

„Wahrscheinlich eher als exzentrisch“ Victor sah Francois an und zuckte die Schultern. „Und außerdem hat es sich ja auch gelohnt, mich zu überzeugen, oder? Auch wenn es ein bisschen gedauert hat.“ Er grinste jungenhaft und strich sich durch die Haare.
„Es ist eben auch etwas unglaubliches für Normalsterbliche“ murmelte Vic dann.

„Stimmt wohl.“ schmunzelte Francois.
„Was meint ihr dazu?“ wandte er sich an Victors Eltern. „Sprecht doch bitte offen, ich möchte wissen woran ich bin, zumal ich vorhabe euren Sohn ebenfalls unsterblich zu machen.“
Er blickte sie noch immer freundlich an, aber man merkte und sah auch, das es ihm vollkommen ernst war, und es keineswegs mehr als Scherz gedacht war.

Marianna sah Francois abschätzend an. „Du meinst das völlig ernst, nicht wahr?“ fragte sie dann. Sie sah zu Victor und dann wieder zurück. „Meiner Meinung nach gibt es keine Vampire. Ich habe noch nie einen getroffen und außerdem wäre das doch auch gefährlich.“ Fügte sie dann weiter an, sie wusste grade nicht so recht, was sie sagen sollte. „Victor muss selbst entscheiden, was er will und was er für richtig hält. Wir haben ihm den Weg gezeigt, gehen muss er ihn allein und er allein bestimmt, welche Richtung er einschlägt.“
Victor sah Francois an. “Lass es sein, das ist zuviel für einen Abend..” meinte er dann leise.

Francois betrachtete Victor, er nahm seine Hand und verschlang seine Finger mit den seinen.
„Vielleicht hast du Recht, aber es ist wie es ist und mittlerweile bekommen sie Angst vor mir sowie Angst um dich.“
Er hob die Schultern. „Entscheide du...“

Victor warf Francois einen langen Blick zu und streichelte mit dem Daumen über dessen Handrücken. Manchmal machte ihn der Vampir einfach sprachlos. Allein die zärtlichen Gesten in der Öffentlichkeit oder wie hier in diesem Fall vor seiner Familie, verursachten ein warmes Gefühl ums Herz.

„Um mich müsst ihr euch keine Sorgen machen, ich weiß was ich tue und ich fühle mich wohl dabei.“ Sagte er dann bestimmt. „ Francois lügt nicht, er ist, was er ist und ich habe auch lange gebraucht, um davon überzeugt zu werden.“ Victor warf seiner Mutter einen Blick zu, die ihn mit großen Augen ansah. „Ich erkläre es euch ein anderes Mal genauer. Heute wollte ich nur, das ihr ihn kennen lernt, denn er wird der einzige Mann in meinem Leben bleiben.“

„Hoffe ich auch schwer.“
Francois lächelte Marianna freundlich an. Er konnte ihre Furcht verstehen, und auch riechen. Unwohlsein lag über der kleinen Familie und er war wohl in keinster Weise unschuldig daran.
Er wandte sich an Victor. „Ich werde jetzt gehen. Ich muss noch etwas erledigen.“
Sich verneigend entschuldigte er sich. „Es war mir eine Freude euch alle kennen zu lernen, und hoffe, diese Eröffnung hat euer Bild von mir nicht getrübt. Die Einladung steht noch immer. Das Chateau erwartet euch.“

Victor wollte noch etwas sagen, aber das war eh für die Katz. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, das Francois kam und ging, wie er wollte und meistens war Vic auch nicht besonders erpicht darauf zu erfahren, was er so dringendes zu tun hatte. „Wir treffen uns später“ sagte er deshalb auch nur.